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Was ich in 10 Jahren Diskussion mit Impfgegner_innen über postfaktische Kommunikation gelernt habe

Ich will nicht behaupten, dass postfaktische Populist_innen und Impfgegner-Eltern eins zu eins übertragbar wären: Aber wie die Kontrafaktischen sich in ihren Verschwörungstheorien einhegen, wie sie „Etabliertes“ und Wissenschaft ablehnen auch gegen ihre eigenen Interessen, wie sie vielen Gegenargumenten hyperaggressiv entgegenhassen und sich oft aus mittleren Einkommensschichten rekrutieren: All das habe ich auch immer wieder in den letzten 10 Jahren in Vier-Augen-Gesprächen, Mailinglisten-Schlachten und Konfrontationen in der Klinik mit impfverweigernden Eltern kennengelernt: Die Muster sind erstaunlich ähnlich. Für das Zurückholen dieser Menschen in ein rationaleres Jetzt dürfte für viele AfD-Wähler_innen das gelten, was auch für Impfverweigerer gilt: Es ist aufwendig und lang. Hier sind Ansatzpunkte, die ich in den letzten Jahren als praktikable Hilfen und Ansätze im Gespräch mit diesen Menschen erfahren habe, auf der Basis von wissenschaftlichen Publikationen zum Thema:

1) Das, was wir immer wieder versuchen, das reine Widerlegen von Un-Fakten, hilft überhaupt nicht. Jeder weiß das: Genauso wenig, wie die Gegendarstellungen der BILD den Imageschaden eines Promis ungeschehen machen, genauso wenig hilft unser Verweisen auf Impfstatistiken im Gespräch mit der impfkritischen Mutter – es dürfte in den meisten Fällen sogar kontraproduktiv sein: Es besteht das Risiko, dass damit die Erinnerung an die ursprüngliche Missinformation erneut aufgerufen und verstärkt wird. Deswegen müssen wir unseren Ansatz ändern:

2) Das beste Argument für Impfungen ist – LEIDER – eine akute Masernepidemie in Berlin mit einem an der Krankheit gestorbenen Kleinkind. Sobald die Kraft des Realen unüberwindbar groß wird erscheinen selbst den Impfkritiker_innen ihre eigenen Überzeugungen über Impfnebenwirkungen klein im Vergleich zum Risiko eines toten Kindes. Wie man das weniger dramatisch nutzen kann? Man muss die Risiken eines bestimmten Verhaltens möglichst plastisch erfahrbar oder kommunizierbar machen – besonders eindrückliche Geschichten über ein Kind, dass an Röteln erkrankt war, konnten Eltern besser vom Impfen überzeugen als ein detailliertes Widerlegen des Gedankengebäudes Impfkritik.

3) Viele Gesundheits-Esoteriker_innen sind inhaltlich in einer Dimension sehr flexibel: Während sie im einen Monat noch glauben, dass sie nur möglichst viele Vitaminpillen und Globulis schlucken müssen, gehen sie schon einen Monat später zur Bienenluft-Atemtherapie oder schließen sich einmal täglich an ihre Magnetfeldgerät an, die Vitaminpillen haben sie da oft schon vergessen – Hauptsache, es ist keine „Schulmedizin“. Ein aktives Umleiten von einer zur anderen Eso-Therapie kann manchmal hilfreich sein, wenn beispielsweise die neue deutlich billiger ist als die Vitaminpillen und man die eigenen Verwandten vor dem finanziellen Ausbluten bewahren möchte. Es zeigt auch, wie volatil die Überzeugungen sind, und wie schnell einer neuen charismatischen Idee geglaubt wird. Auch von wissenschaftlicher Seite wird postuliert, dass bei festgefügten Verschwörungstheorien das Ersetzen einer Verschwörungstheorie durch eine andere sinnvoller ist als der Versuch, faktenbasiert vom Gegenteil zu überzeugen.

4) Jede Debatte zum Thema wird nach wenigen Sekunden immens emotional. Ich habe nur dann eine Chance durchzudringen, wenn ich es schaffe, dass das Gegenüber in mir selbst keinen Wutausbruch auslösen kann – umso herrischer oder aggressiver ich werde, umso weniger werden meine Aussagen den Anderen erreichen. Das ist kein Plädoyer gegen die Wut, aber die Wut überzeugt leider nicht den harten Kern der Kontrafaktischen.

5) Umso stärker die Verbreitung eines kontrafaktischen Gedankengerüstes, umso schwerer wird es für rationale Argumente: Ist erst einmal ein festgefügtes Gedankengebäude errichtet, dann werden Gegenargumente automatisch, aufgrund auch des kognitiven Bestätigungsfehlers, als unwahr disqualifiziert – einfach, weil sie schlechter in das eigene Weltbild passen. Außerdem steigt damit die Frequenz, in der Menschen mit dieser Missinformation konfrontiert werden – allein die fortdauernde Wiederholung einer Aussage lässt sie wahrer erscheinen. Eine wichtige Maßnahme auf dem Weg zu einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz von Fakten und Wissenschaftlichkeit ist aus diesem Grund das Adressieren der Unentschiedenen: Es ist wichtig, das Verfestigen von irrationalen Gedankengebäuden zu verhindern, bevor sie zu festgefügt sind um noch zur einzelnen Person vorzudringen.

6) In emotional aufgeladenen Situationen müssen wir Menschen besonders gut vor dem Zugriff kontrafaktischer Argumente schützen: Es ist bekannt, dass viele Mütter in der emotional intensiven, verletzlichen Zeit vor und nach der Geburt v.a. über Hebammen an alternativmedizinische Erklärungsmodelle herangeführt werden – Erklärungsmodelle, die dann zu verweigerten Impfungen in den Jahren darauf führen können. Wir wissen, dass emotional aufgeladene Erzählungen leichter weitergegeben werden als emotionslose – was sich sogar für Twitter zeigen lässt. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die Hebammen noch stärker gewinnen für eine wissenschaftlich fundierte Geburtshilfe. Auch der Verlust des Arbeitsplatzes, Scheidungen und Privatinsolvenzen können emotional verwundbare biografische Meilensteine sein.

7) Diskutiere nicht mit Opas (und Omas): Komplizierte Mechanismen, die an das abnehmende Gedächtnis gekoppelt sind scheinen dazu zu führen, dass bei älteren Menschen rationale Argumente die initiale Missinformation besonders stark verstärken und plausibel erscheinen lassen. Das kann man einerseits als Argument gegen die überalternde Gesellschaft sehen, andererseits als Ansporn, stärker in die Demenzforschung und die des kognitiven Abbaus zu investieren. Vor allem aber versuche ich nicht mehr, einen 80-Jährigen von den Impfungen seiner Enkel zu überzeugen – zumindest nicht, bis wir stark wirksame Anti-Demenz-Therapien zur Verfügung haben.

8) Das Internet ist voll mit Blogs impfkritischer Eltern – wenn man Informationen zu Impfungen googlet, dann kommen auf eine wissenschaftlich fundierte Site ca. 20 verschwörungstheoretische. Wir müssen Suchmaschinen wie google stärker in die Pflicht nehmen, wir müssen aber auch rationale Informationen besser und verständlicher und breiter verfügbar machen – die PatientInneninformationen des IQWIG sind ein guter, noch zu unbekannter Schritt in die richtige Richtung.

9) Die Schwächen und Skandale der wissenschaftlichen Medizin sind willkommene Eintrittsstellen für die virulenten Verschwörungstheorien der Impfgegner_innen: Wenn Forscher_innen Ergebnisse fälschen und Ärzt_innen bestechlich sind, wenn die Nachbarin von Behandlungsfehlern erzählt, dann sind das die Einfallstore des Zweifels, auf deren Basis Verschwörungstheorien entstehen können und immer stabiler und wirkmächtiger werden. Wenn wir die Impfquoten steigern wollen, wenn wir die Demokratie erhalten wollen, dann müssen wir als Ärzt_innen und als politisch Engagierte deutlich besser werden: Kompromisslos unbestechlich, rigoros Skandale in unseren Reihen aufklären, sehr hohe Transparenz gewährleisten. Selbst dann wird es noch schwer genug sein.

10) Wir müssen denen, die mit dem Kontrafaktischen ihr Geld verdienen, diesen Geldhahn so gut wie möglich zudrehen – andernfalls steigen zu viele Trittbrettfahrer_innen und Opportunist_innen ins Geschäft des leicht verdienten Geldes ein, professionalisieren sich und weiten dafür die kontrafaktische Kommunikation immer weiter aus – ein Phänomen, dass wir aus der Esoterikbranche genauso kennen wie von Fake-News-Anbietern.

Die traurige, aber wichtige Erkenntnis: Sind Missinformationen erst einmal in der Welt, ist es enorm schwer, ihre Folgen einzudämmen oder sie ganz aus der Welt zu räumen – deswegen muss es uns in allen relevanten Bereichen darum gehen, die Zahl der Misinformationen stark zu begrenzen und ihre Verbreitung einzuhegen.

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Wenn niemand mehr so dumm ist Gesundheitspolitik zu machen

Nein, es ist nicht ihre Schuld. Ursula von der Leyen hat mit ihrer vehementen Ablehnung des Gesundheitsressorts nur das getan, was jeder intelligente Mensch in ihrer Situation entschieden hätte: Gesundheitspolitik ist eine Sackgasse, ein Karrieretöter, der Garant für die schlechtesten Umfragewerte des gesamten Kabinetts, völlig unabhängig von der Person. Die erfolgversprechendste Taktik ist da noch die eines Daniel Bahr: Sehr zurückhaltend agieren, bloß keine großen Würfe anschieben, lieber eine intelligente Detailanpassung von Verordnungen nach der anderen. Über Gesundheitspolitik hört man permanent, das “sei nur ein Gebiet am Anfang um sich nach oben zu arbeiten, weil das sonst niemand machen will” (O-Ton eines ehemaligen Mitglieds des Juso-Bundesvorstands). Führende Bundestagsabgeordnete raten einem im persönlichen Gespräch “bitte nicht Gesundheitspolitik” zu machen, sondern das eigene Fachgebiet strategisch intelligenter auszuwählen.

Was aber bedeutet das für Gesundheitspolitik an sich?

Gesundheitspolitik wird von Jahr zu Jahr wieder schwächer. Mit dem ihm anhaftenden Ruf der Karriere-Verunmöglichung werden nur noch die PolitikerInnen bereit sein, sich mit ihr zu beschäftigen, denen wenige andere Optionen offen stehen. Sie verliert damit ihre Fähigkeit, dank durchsetzungsfähiger, mit breitem gesellschaftlichen und parlamentarischen Rückhalt versehenen PolitikerInnen die wichtigen anstehenden Reformen des Gesundheitswesens auch gegen große Widerstände und intelligente Medienkampagnen durchsetzen zu können. Dadurch werden die mächtigen und zahlreichen außerparlamentarischen AkteurInnen des Gesundheitswesens – Ärztliche Selbstverwaltung, Krankenkassen, Krankenhausgesellschaften, Medizintechnik- und Pharmawirtschaft – noch mächtiger als sie es aktuell schon sind. Gesundheit ist damit gefährdet, zum politikfreien Raum zu werden, in dem die genannten AkteurInnen bar jeder demokratischen Legitimation über die medizinische Versorgung der Bevölkerung entscheiden. Ein Szenario, auf das die Verbände seit Jahren hinarbeiten und dem sie jetzt sehr nahe gekommen sind, dank u.a. der professionellen Demontage eines jeden Politikers und einer jeden Politikerin, die ihren Interessen gefährlich wurden – siehe Ulla Schmidt, siehe Lauterbach, siehe aber beispielsweise auch die ehemalige österreichische Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky.

Dieser Entwicklung kann man emotionslos zusehen, man kann aber auch eine Fehlentwicklung erkennen hin zu einem noch stärker forcierten Selbstbedienungsladen Gesundheitssystem, in dem die Macht der verschiedenen AkteurInnen politisch überhaupt nicht mehr eingefangen werden kann. Ganz anders als der neue Koalitionsvertrag dies beispielsweise für den Krankenhaussektor anstrebt.

Eine Antwort an Jörg Sauskat

Der auch von uns hoch geachtete Jörg Sauskat, Leiter des Bundestagsbüros von Harald Terpe, hat uns gestern in seiner Antwort auf “EsoterikerInnen bei den Grünen” vorgeworfen, der Text sei “zu pointiert”. Auf diesen und weitere seiner Kritikpunkte möchten wir im Folgenden kurz antworten:

1 Der Text sei “grob vereinfachend” und “zu pointiert”.

Unser Post betont laut Jörg zu sehr die Schwächen der grünen Gesundheitspolitik und vergesse darüber die vielen grünen Vorstöße für mehr evidenzbasierte Entscheidungen im Gesundheitssystem. Es war jedoch nicht unser Ziel, eine Übersicht über die Gesamtheit grüner Gesundheitspolitik der letzten 15 Jahre zu geben. Vielmehr wollten wir gezielt den Blick auf die in unseren Augen dramatischen Auswüchse von Wissenschaftsfeindlichkeit in den Reihen der Grünen, v.a. in führenden Positionen kommentieren.
Gleichwohl spricht Jörg damit einen interessanten Punkt an: Das Nebeneinander in der aktuellen grünen Gesundheitspolitik von einerseits Homöopathie-Förderung und andererseits Stärkung wissenschaftlich fundierter Therapien zeugt von einer großen Ambivalenz. Diese auszuhalten kann eigentlich nur gelingen, wenn grüne Gesundheitspolitik medial nicht wirklich präsent ist und die ihr innewohnenden Widersprüche nicht ausdiskutiert werden müssen.

2 Trotz bereits nachgewiesener Unwirksamkeit alternativmedizinischer Verfahren seien weitere Forschungsgelder für diese Bereiche nicht schädlich.

Im Text habe ich folgende Passage aus dem aktuellen grünen Wahlprogramm kritisiert:

Es sind geeignete Methoden zum Wirksamkeitsnachweis für die Komplementärmedizin als auch andere medizinische Bereiche (z.B. Physio- oder Psychotherapie) zu entwickeln. Dafür sind öffentliche Forschungsgelder zur Verfügung zu stellen.

Zu Beginn: Verstärkte Forschung für die Bereiche Physio- und Psychotherapie aber auch Ergotherapie etc. ist absolut sinnvoll. Komplementärmedizin wiederum umfasst eine Vielzahl von verschiedenen Therapien, für die teilweise, z.B. für Johanniskraut in hohen Dosierungen bei Depression eine klinische Wirksamkeit bewiesen ist. Im folgenden geht es nur um Bereiche mit nachgewiesener Unwirksamkeit, z.B. Homöopathie:

Jörg meint, dass trotz bereits nachgewiesener Unwirksamkeit weitere Forschungsgelder für diese Bereiche ohne größeren Schaden ausgegeben werden können. Dem möchte ich deutlich widersprechen:

  • Die Zahl öffentlicher Gelder für medizinische Forschung ist knapp. Gelder, die für Projekte ausgegeben werden bei denen keinerlei Wissenszuwachs zu erwarten ist fehlen in der Erforschung jener Erkrankungen, bei denen immer noch aufgrund mangelnden Wissens und fehlender Therapieoptionen großes Leid für die Betroffenen entsteht. Es ist aus diesem Grund unethisch, begrenzte öffentliche Gelder in dieser Form falsch zu verteilen.
  • Klinische Studien bedeuten für die teilnehmenden PatientInnen einen deutlichen Mehraufwand. Sie sind aus diesem Grund nur zu rechtfertigen, wenn ein Erkenntniszugewinn zumindest wahrscheinlich ist und PatientInnen durch eine Teilnahme kein Schaden entsteht. Führt man klinische Studien durch deren Ergebnis schon vorhersehbar ist, ist der damit verbundene Mehraufwand für die PatientInnen nicht mehr vertretbar.
  • Die Anforderungen an einen Wirksamkeitsnachweis für medizinische Therapien sind klar definiert: Es sind mehrere klinische Studien mit Kontrollgruppe, die verblindet und randomisiert mit einer ausreichend hohen TeilnehmerInnenzahl durchgeführt werden müssen. Egal welche Therapieprinzipien zugrunde liegt: Falls eine signifikante Wirksamkeit besteht, wird sie sich in derart durchgeführten Studien herausstellen. Deswegen kann es keine für Komplementärmedizin “geeignete oder ungeeignete” Wirksamkeitsnachweise geben, die es erst noch zu erforschen gäbe.
  • Jörg meint, solche Studien könnten zwar keine zusätzlichen Aussagen zur Wirksamkeit generieren, nebenbei jedoch neue Erkenntnisse zu Aspekten wie Therapieakzeptanz oder Therapietreue von PatientInnen ermöglichen. Auch dem muss ich widersprechen: Forschung zum Thema Therapietreue ist wichtig und wird derzeit ohnehin in hohem Maße durchgeführt in Form von Studien, bei denen primär die Frage nach den bestimmenden Faktoren für eine hohe Therapietreue untersucht wird. Niemand braucht hingegen Studien, die nur als Nebenaspekt relevante Fragen untersuchen.

3 Wahltarife der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), die beispielsweise Homöopathie und Eigenharntherapie auf Kosten der Solidargemeinschaft finanzieren, ließen die Tarife der gesetzlichen Krankenversicherer sinken.

Jörg argumentiert, dass die Wahltarife in der gesetzlichen Krankenversicherung zwar Praktiken erstatteten, die nachweislich nicht wirksam seien, dass jedoch insgesamt aufgrund der Wahltarife sich mehr GutverdienerInnen für die gesetzliche statt der privaten Krankenversicherung entschieden und damit die Wahltarife dabei helfen würden, die Beiträge in der GKV niedrig zu halten.

Es ist schwierig, eine derartige Aussage über Versicherte zu validieren. Vor dem Hintergrund jedoch, dass für Einkommen über der Beitragsbemessungsgrundlage die monatlichen Einsparungen im PKV-Tarif zum Zeitpunkt der Entscheidung in jungem Alter deutlich höher liegen als die in diesem Alter anfallenden Kosten für alternative Heilmethoden scheint eine Entscheidung gegen die PKV allein aufgrund der Wahltarife wenig plausibel.

4 Evidenzbasierte Medizin (EBM) als Medizin auf der Grundlage wissenschaftlich erwiesener Wirksamkeit sei nicht durch die politische Akzeptanz von Homöopathie etc. gefährdet sondern vielmehr durch die ÄrztInnen, die sich aus ökonomischen Interessen gegen sie zur Wehr setzten.

Evidenzbasierte Medizin ist eine relativ neue Erscheinung in der Medizin. Vor allem ältere MedizinerInnen fühlen sich dadurch nicht etwa geholfen in der klinischen Entscheidungsfindung, sondern eingeschränkt in ihrer “Therapiefreiheit”. Diese MedizinerInnen werden mit der Zeit aussterben. Die Organe der Selbstverwaltung aber werden aktuell noch von ihnen dominiert. Aus diesem Grund stellen sie mit ihren Forderungen tatsächlich eine Gefahr für eine schnelle Durchsetzung der EBM dar. Gerade PolitikerInnen aber, die mehr wissenschaftliche Fundierung für medizinische Entscheidungen durchsetzen wollen dürfen sich gegenüber ÄrztInnenvertretungen und Industrie nicht selbst angreifbar machen und ihre Glaubwürdigkeit massiv schwächen, indem sie die eigene Forderung nach mehr Wissenschaftlichkeit ignorieren sobald es um Homöopathie geht.

Eine Gefahr für mehr Evidenz in der Medizin besteht zweifelsohne im Egoismus, der Ignoranz und Arroganz der ÄrztInnen sowie den ökonomischen Interessen der Industrie. Eine andere aber ist die Wissenschaftsfeindlichkeit bei einigen der zuständigen PolitikerInnen. Beides ist nicht hinnehmbar.

Eine Antwort an Jörg Sauskat

EsoterikerInnen bei den Grünen – Von der größten Schwäche einer kleinen Partei

Wenn man bei den Grünen eintritt, dann weiß man, dass man sich damit in ein Esoterik-freundliches Umfeld begibt. Ein Umfeld, in dem kruden Weltverschwörungs- und -errettungsfantasien teilweise größeres Verständnis entgegengebracht wird als anderswo. Schon nach wenigen Wochen merkt man, dass es zwei Sorten von Grünen gibt: Die, die Mitglied werden weil sie den Kampf für Homöopathie und oft auch gegen Impfungen ähnlich wichtig finden wie die Senkung der CO2-Emissionen. Auf der anderen Seite die, die trotz der in ihrer Omnipräsenz oft nur schwer erträglichen EsoterikfanatikerInnen bei den Grünen sind, weil ihnen all die anderen Themen zu wichtig sind und sie über das bisschen Esoterik schon irgendwie hinwegsehen können.

Esoterik bei den Grünen fällt seit jeher auf fruchtbaren Boden – das bekannteste und bei den Grünen am stärksten grassierende Beispiel ist das der Homöopathie. Aber auch die anthroposophischen Lehren Rudolf Steiners in Form von demeter-Landbau bis Waldorfpädagogik, Technikphobie und auch die sehr gefährliche Impfkritik finden bei den Grünen zuverlässig politische FürsprecherInnen und DurchsetzerInnen. Ohne die Grünen und die durch sie initiierten Wahltarife der gesetzlichen Krankenkassen wäre es heute nicht möglich, dass gesetzliche Krankenversicherer Methoden wie Homöopathie und “Eigenharntherapie” auf Kosten der Solidargemeinschaft erstatten dürfen, entgegen aller wissenschaftlichen Unwirksamkeitsnachweise.

Es ist an anderer Stelle schon vielfach und sehr gut dargestellt worden, warum die Wirksamkeit z.B. von Homöopathie abschließend ausgeschlossen werden kann, u.a. im exzellenten “Programm Evaluation Komplementärmedizin” des schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit. Wenn man es jedoch wagt als Grüne, innerhalb der Grünen, mit Anträgen oder Beschlüssen die grüne Förderung der Homöopathie zu kritisieren, schlägt einem das  Unverständnis einer sich plötzlich aufbauenden Front von Homöopathiefans sehr kalt ins Gesicht. Man muss sich sofort als “SchulmedizinerIn” und als “VerbündeteR der Pharmaindustrie” beschimpfen lassen. Führende Bundestagsabgeordnete fragen, warum man so “fanatisch” gegen Homöopathie agiere, und erzählen Geschichten von der eigenen Stuhlgangtherapie.

Es ist nicht so, als ob es keine positiven Anzeichen für eine vorsichtige Wandlung der Grünen hin zu einer aufgeklärteren Partei gäbe – die vergangene Bundesdelegiertenkonferenz ging beispielsweise konform mit Steffi Lemkes Aussage, dass der “allgemeine Zugang zu AlternativmedizinerInnen” keine zentrale Frage für das Bundestagswahlprogramm darstelle. Es war auch die gleiche Bundesdelegiertenkonferenz die anschließend beschloss, dass grüne Gesundheitspolitik sich nicht mehr als primär “ganzheitlich”, sondern “ortsnah und bedarfsgerecht” versteht. Aber auch im dort beschlossenen Wahlprogramm für die kommende Bundestagswahl werden wieder öffentliche Forschungsgelder für “Alternativmedizin” gefordert, und die Entwicklung solcher Forschungsmethoden, die die “Wirksamkeit” von Alternativmedizin nachweisen könnten. Wenn “herkömmliche” Wissenschaft keine Wirksamkeit zeigen kann, muss eben auch gleich eine neue, passend gemachte Wissenschaft her. Das ist leider grüne Logik im aktuellen Wahlprogramm:

“Es sind geeignete Methoden zum Wirksamkeitsnachweis für die Komplementärmedizin als auch andere medizinische Bereiche (z.B. Physio- oder Psychotherapie) zu entwickeln. Dafür sind öffentliche Forschungsgelder zur Verfügung zu stellen.”

Die gesamte Wissenschaftsfeindlichkeit großer und meinungsbildender Teile der Grünen verdichtet sich beispielhaft in einer Figur: Barbara Steffens, erste grüne Gesundheitsministerin auf Landesebene.

Es ist peinlich in einer Partei Mitglied zu sein, deren erste Landes-Gesundheitsministerin in wöchentlichen Abständen WissenschaftlerInnen in ihrer Gesamtheit als “anmaßend” beschimpft, auf der anderen Seite aber Sitze für Homöopathie-QuacksalverInnen in den zentralen Gremien der Gesundheitspolitik wie dem Gemeinsamen Bundesausschuss fordert und dafür von keineR einzigen führenden Grünen öffentlich zur Rechenschaft gezogen wird.

Denn: Eine grüne Partei, die ganz offen Wissenschaft verhöhnt macht sich mitverantwortlich an der Verdummung der Gesellschaft. Sie beteiligt sich daran knappe Ressourcen zu verschwenden und den Ruf von WissenschaftlerInnen fahrlässig zu beschädigen. Sie verhindert damit den gesellschaftlichen Fortschritt, als dessen Wegbereiterin sie sich selbst so gern rühmt.

Rede von Pascal auf dem 116. Deutschen Ärztetag

Ich hatte die Gelegenheit als Vertreter der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) auf dem Deutschen Ärztetag eine Rede zu halten. Der eigentliche Text, sowie die Berichte der Medizinstudierenden zum 116. Deutschen Ärztetag sind hier abzurufen: http://bvmd.de/mv/dat_2013/

In meiner Rede habe ich an das Positionspapier der bvmd zur Beeinflussung der Freiheit von Gesundheitsversorgung angeknüpft. Nach der Rede erhielt ich sowohl Lob als auch einige sehr harte Kritik. Letztere reichte von “Ich kann selbst entscheiden, von wem ich mich beeinflussen lasse” über “in 5-10 Jahren sehen Sie das anders” bis zu “Ihr Tonfall und ihre Kritik sind eine Unverschämtheit, was maßen Sie sich an?”. Wir wurden von einigen Delegierten und auch von Prof. Montgomery verteidigt. Die Studierenden und das Thema waren plötzlich sehr präsent und auf darauffolgenden Tag hat sich der Deutsche Ärztetag sogar für eine Offenlegung der Zuwendungen ausgesprochen. Nun aber zum Redebeitrag, es gilt das gesprochene Wort:

 

Sehr geehrter Herr Präsident,
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich zu Beginn im Namen der Bundesvertretung der Medizinstudierenden ganz herzlich für die Einladung zum 116. Ärztetag und die freundliche Begrüßung bedanken. Daran anschließend möchte ich mich auch für die beeindruckende Rede von Prof. Maio bedanken. Und ich sehe, dass auch Sie von der Rede beeindruckt waren und es Beifall von Ihnen gegen die „Beeinflussung der Medizin durch die Ökonomie“ gab.

Das sehen wir als Studierende ganz ähnlich, wir stellen uns ebenfalls gegen Einflüsse, die nicht dem Patientenwohl dienen.
Beeinflusst werden Therapien aber nicht nur durch ökonomische Zwänge, nein sie werden auch unbewusst durch Kontakte mit der Medizinindustrie beeinflusst. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, die Arzneimittel- und Medizinprodukteindustrie pauschal zu verurteilen hilft uns nicht weiter, vielmehr brauchen wir sie für neue, bessere Therapien.

Aber es hat doch nichts mehr mit der ursprünglichen Idee der Unternehmen zu tun, wenn mehr Geld in das Marketing, als in die Forschung fließt. Und wenn das als Problem betrachtet wird, dann müssen wir uns fragen: Treffen Ärzte nach dem Besuch eines Industriereferenten noch unabhängige Entscheidungen?

Wenn Reisen, Essen, Geschenke oder Lehrstühle finanziert werden, behält der Arztdann die Unabhängigkeit, mit der die Freiheit des ärztlichen Berufs begründet wird?Die Studienlage zeigt eindeutig, dass sich das Entscheidungsverhalten durch Industriekontakte verändert.

Um an dieser Stelle selbstkritisch zu sein: Auch Medizinstudierende können durch Geschenke, Essen, Lernmaterialen, finanzierte Veranstaltungen beeinflusst werden.Genau deswegen beschäftigt uns als Studierende dieses Thema. Alle Lehrveranstaltungen zu Kommunikation und Ethik verlieren doch ihren Sinn, wenn die dort gelehrten Werte an anderer Stelle nicht auch vorgelebt werden.Das ist nicht nur zwiespältig, es ist auch schädlich. Für die Ärzteschaft und für das Vertrauen!

Und so wird auch von vielen Stellen ein Vertrauensverlust gegenüber den Ärztinnen und Ärzten beklagt. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war sogar kürzlich die Rede davon, dass das Arztsein zu einer Dienstleistung mit moralischen Ansprüchen wird.Ich frage mich und Sie an dieser Stelle: Darf es soweit kommen?Ich finde nicht!Müssen nicht wir als jetzige und zukünftige Ärzteschaft alles dafür tun, dass das Vertrauensverhältnis mit Patienten erhalten bleibt?

Gerade die Ärzteschaft muss doch sagen können, dass sie gegen Strukturen vorgeht, die Beeinflussung erlauben, dass sie für unbeeinflusste Therapien kämpft und dass sie sich an ihre eigenen moralischen Grundsätze hält. Daher müssen die Fälle von Bestechung und Bestechlichkeit durch das Strafgesetzbuch ahndbar gemacht werden. Daher müssen Zuwendungen von Arzneimittel- und Medizinprodukteherstellern an Ärzte durch eben diese Hersteller offen gelegt werden. Daher müssen medizinische Sachverständige mit spezifischen Interessenkonflikten von Gremien mit Entscheidungsfunktionen ausgeschlossen werden.

Ärztinnen und Ärzte sind nicht mehr die fehlerlosen Halbgötter in Weiß, sie werden hinterfragt und müssen für Anerkennung und Würde vielleicht mehr leisten als früher. Aber das ist doch keine negative Entwicklung, denn es ist keine Diskreditierung der Ärzteschaft, es ist eine Chance. Es ist eine Chance neue Wege, diese aufgezeigten Wege, zu gehen. Es ist eine Chance Vertrauen zu gewinnen und den, wie Jörg-Dietrich Hoppe es ausdrückte, Grundton des Arztseins wieder anzuschlagen.

Es ist letztlich die Chance das Arztsein wieder vom Dienstleistungsberuf mit moralischen Ansprüchen zu einem sozialen Beruf mit moralischem Fundament zu machen!