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Perspektiven jamaikanischer Gesundheitspolitik

Wenn man nichts erwartet, dann kann man auch nicht enttäuscht werden. Vielleicht sollte das das Motto sein, unter dem man die gesundheitspolitischen Möglichkeiten eines grün-gelb-schwarz-blauen Bündnisses umreißt. Für durchgreifende Systemwechsel wie die Bürger_innenversicherung ist die Koalition zu breit aufgespannt, für hart ausgehandelte Kompromisse ist das Thema Gesundheit in Deutschland zu wenig wahlentscheidend. Unterschätzt man aber damit vielleicht nicht doch, was in diesem Zweckbündnis möglich sein kann? Im Folgenden eine kurzer Abriss der gesundheitspolitischen Themenfelder, in denen signifikante Bewegungen in den Verhandlungen der nächsten Wochen möglich sind:

Das Wichtigste zum Anfang: Welchen Beitrag kann Gesundheitspolitik zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten, der ja als große Klammer diese neue Koalition zusammenhalten und ihr Sinn geben soll?

Wir verlieren uns in der Gesundheitspolitik oft im Klein-Klein von Landesbasisfallwerten und qualitätsadjustierten Lebensjahren – und wundern uns dann, dass sich in Deutschland niemand für Gesundheitspolitik interessiert. Der aktuelle Zustand dieser Gesellschaft mit ihren Bruchlinien, ihrem Hass und ihrer Ratlosigkeit aber muss vielleicht auch für uns Anlass sein, greifbarer über das zu sprechen, was Gesundheitspolitik ausmacht: Gesundheitsversorgung, das ist das belastbare Vertrauen auf schnelle Hilfe in der Not und das Lindern unaushaltbarer Schmerzen. Ein Gefühl von Sicherheit, dass man aufgefangen wird, wenn es einem körperlich und seelisch schlecht geht. Genau deswegen treffen die Verunsicherungen so tief, wenn Frauen das Gefühl haben, dass sie mit ihrer Schwangerschaft allein gelassen werden, weil in der Zeitung steht, dass es keine Hebammen mehr gibt. Deswegen wiegt die Qual so schwer, wenn Menschen Monate auf eine psychotherapeutische Behandlung warten müssen und nicht wissen, wie sie diese Zeit überstehen sollen. Deswegen ist es demütigend, wenn man mit seinen unbändigen Rückenschmerzen drei Monate auf einen MRT-Termin warten soll und weiß, dass das für Privatpatient_innen noch am gleichen Tag möglich ist.

Das heißt ganz und gar nicht, dass die Lösung in mehr MRT-Untersuchungen für alle besteht. Aber wir als Menschen in Gesundheitssystem und -politik müssen besser erklären, wie wir Gesundheitsversorgung sicher machen, was sinnvoll ist und was aber auch nicht hilft. Wir müssen das Vertrauen wieder aufbauen, dass die Gleichwertigkeit der Versorgung in armen und in reichen Regionen Deutschlands, in ländlichen Räumen wie in der Stadt wieder hergestellt wird. Wir werden in den nächsten Jahren vor der Herausforderung stehen, dass wir weiter aufwendige Behandlungen in Zentren konzentrieren müssen, um bessere Qualität für unserer Patient_innen zu erreichen – das können wir aber nur, wenn wir glaubhaft versichern, dass dabei die Rettungswege beschleunigt werden und die medizinische Grundversorgung weiterhin vor Ort ansprechbar und erfahrbar sein wird – auch mit Gemeindeschwestern, ambulanten Palliativteams und Telesprechstunden. Wir müssen die Gesetzmäßigkeit durchbrechen, dass Regionen, die fast keine Privatpatient_innen vorzuweisen haben, automatisch mit weniger niedergelassenen Fachärzt_innen leben müssen und sich damit als Regionen zweiter Klasse fühlen. Zweiklassenmedzin – so sinnlos die Zusatzleistungen der Privaten Krankenversicherung auch zum überwiegenden Teil sind – ist immer eine potentielle Demütigungserfahrung von Patient_innen. Genau das anzugehen wird Aufgabe dieser Koalition sein, wenn sie die Fliehkräfte in dieser Gesellschaft in einem ihrer Entstehungsimpulse anpacken möchte – und wenn sie nicht an dieser, ihrer größten Aufgabe scheitern will.

Wer wird Gesundheitsminister_in?

Schon nach der letzten Bundestagswahl weigerte sich Ursula von der Leyen mit Händen und Füßen, ins Gesundheitsministerium wechseln zu müssen. Viel hat sich in Deutschland geändert seit 2013, aber das Gesundheitsressort ist weiterhin das unbeliebteste Ministerium von allen: Allein deswegen dürfte es bei der Union hängen bleiben. Somit ist es gar nicht unwahrscheinlich, dass Gröhes Wunsch nach einem Verbleib im Ministerium erfüllt wird – es sei denn, die CSU möchte in Ermangelung anderer Ministerien ihr Profil in der Pflege schärfen oder aber das Kabinett soll insgesamt weiblicher werden.

Wie weiter mit der Digitalisierung im Gesundheitswesen?

Hier dürfen wir alle viel mehr und weniger sinnvollen Hokuspokus erwarten: Ähnlich wie im grün-schwarzen Koalitionsvertrag in Baden-Württemberg ist Digitalisierung eines der wenigen gemeinsamen, konfliktarmen Themen dieser Koalition, und so wird man auch hier Tatendrang formulieren, um den unspektakulären kleinsten Nennern in vielen anderen Themenfeldern etwas entgegensetzen zu können. Die Ideen zur Digitalisierung im Gesundheitswesen sind in allen Parteien relativ stark fortgeschritten, für die grüne Seite existiert beispielsweise ein detailliertes Papier von Gesundheits- und Netzpolitiker_innen der alten Bundestagsfraktion. Kurz zusammengefasst kann man hoffen, dass der Digitalisierung, die in den letzten Jahren in den Mühlen der Selbstverwaltung fast schon vollständig erstickte, durch die politische Seite nun endlich Druck gemacht wird.

Cannabis

Die Legalisierung wird kommen, als gemeinsame Forderung von Grün und FDP, wahrscheinlich versehen mit unsinnigen bürokratischen Auflagen, damit die Union ihr Gesicht wahren kann. Wir sollten uns schon jetzt Gedanken machen, a) wie wir das gebührend feiern können und b) wie wir als linke Parteien den Wegfall von Cannabis als politisierendes Thema für viele junge Menschen zukünftig ausgleichen wollen;)

Versandhandel mit Medikamenten

Ein Thema, das – spannenderweise im Gegensatz zu Cannabis – in der gesundheitspolitischen Fachpresse in den letzten Wochen mit höchster Intensität bearbeitet wurde: der Versandhandel mit Medikamenten. Auch hier stehen Grüne und FDP mit ihrer Forderung nach Liberalisierung des Apothekenmarktes der vehement ablehnenden Union gegenüber. Eine mögliche Kompromisslösung könnte die Freigabe des Versandhandels, jedoch kombiniert mit Sicherstellungszuschlägen für Apotheken im ländlichen Raum sein. Anschließend dürfte das Unions-geführte Gesundheitsminiterium mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das Thema auf die lange Bank schieben.

Bürger_innenversicherung

Nur die Grünen wollen sie, und damit wird man hier, wenn überhaupt, nur minimalste themenverwandte Forderungen durchsetzen können: Nach Andeutung von Strack-Zimmermann könnte dies die Abschaffung der GKV-Zusatzbeiträge sein und damit die Wiedereinführung der paritätischen Finanzierung der GKV durch Arbeitgeber und -nehmer. Das wäre tatsächlich gar nicht so wenig. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2017/10/17/gkv-finanzierung-fdp-naehert-sich-den-gruenen-an

Wie geht es weiter mit Gröhes Fokus auf bessere Ausfinanzierung der Pflege?

Alle vier Parteien haben sich für eine Stärkung und größere Wertschätzung der Pflege ausgesprochen: Damit dürfte in diesem Punkt tatsächlich eine Weiterentwicklung im Koalitionsvertrag festgeschrieben werden – beispielsweise in Form von Prüfaufträgen für die verbindlichen Pflegeschlüssel. Abhängig von den Kostenpunkten in den anderen Politikfeldern könnte eventuell sogar eine verbesserte Ausfinanzierung der Tarifsteigerungen in den Kliniken verabredet werden.

Hebammen

So wie auf dem Papier alle vier Parteien die Pflege stärken wollen, so wollen sie natürlich auch alle die Hebammenversorgung sichern. Im Gegensatz zur Pflege sind die konkreten Lösungsvorschläge hier jedoch sehr vage: Union und FDP haben keine einzige konkrete Maßnahme zur Sicherung der wirtschaftlichen Situation der Hebammen und Geburtspfleger in ihren Programmen parat. Hier dürften sich für uns Grüne aufgrund der fortgeschrittenen programmatischen Arbeit am Thema einige Lücken ergeben: Ein Erfolg wäre es beispielsweise, wenn wir die aktuelle Übergangsregelung für die Haftpflichtprämien der Hebammen überführen könnten in ein nachhaltiges Finanzierungsmodell, damit nicht länger der Bund den privaten Haftpflichtversicherern willfährig deren Wucher-Beiträge einfach aus öffentlichen Geldern bezahlt.

 

In der Summe kann man anerkennen, dass die nächsten vier Jahre Gesundheitspolitik nicht komplett unspannend werden dürften: Cannabislegalisierung, Hebammenstärkung und paritätische Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung wären wichtige Etappenziele grüner Gesundheitspolitik, deswegen: Lasst uns immer wieder Druck machen, damit die nächsten vier Jahre gesundheitspolitisch nicht vergeblich werden;)

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Eine Stiftung Warentest für die Medizin ist möglich

Ein funktionierender Markt braucht Transparenz über die Qualität der Güter. Verbraucher_innen müssen wissen, was sie kaufen. Für einige Produkte können sie das selbst einschätzen, für viele andere gibt es Qualitätskontrollen, DIN-Kriterien und Einrichtungen wie die Stiftung Warentest.
Damit werden in dieser Gesellschaft  Pferdefleischskandale und Pestizidbelastungen von Babynahrung aufgedeckt. Autos wie die Mercedes A-Klasse kommen nicht in den Verkehr, bevor sie den Elchtest bestanden haben. Wir wissen, dass Milch und Butter regelmäßig durch die Lebensmittelbehörden kontrolliert werden und fürchten uns deswegen kaum vor Keimbelastungen.
Wir vertrauen auf diese Kontrollen und Prüfungen im Hintergrund, denn wir hätten gar nicht Zeit, das alles selbst zu kontrollieren. Wir sind so lang nicht alarmiert, wie wir nichts Gegenteiliges hören. Kommt aber ein Skandal ans Licht, bestrafen wir die Hersteller_innen mit Boykott. So funktioniert das in unserer Gesellschaft, so setzen wir Qualitätsstandards durch und so belohnen wir  Hersteller_innen mit besonders hohem Qualitätsbewusstsein. Eine Abwärtsspirale der Qualität würde überall da einsetzen, wo Qualitätsmängel nicht auch für Verbraucher_innen offensichtlich und leicht nachprüfbar wären.

Wir merken es, wenn ähnliche Qualitätskontrollen nicht einfach für uns verfügbar sind: Auf dem Wohnungsmarkt. In der Baubranche. Und in der Medizin. In all diesen Bereichen werden mangels breit angelegter und relevanter Qualitätskontrollen nicht jene belohnt, die höhere Qualität anbieten als ihre Konkurrent_innen, sondern ausschließlich jene, die den Preis maximal zu drücken bereit sind und gleichzeitig gute Qualität glaubwürdig suggerieren können.

Im Falle der Medizin heißt das zum Beispiel: Auf der Suche nach einer guten Kardiologin greifen Patient_innen ersatzweise zu subjektiven “Rankings” wie der problematischen Focus-Ärzteliste: Jedes Jahr mit viel Aufwand angekündigt, fußt sie zu großen Teilen auf der persönlichen Meinung von Chefärzten, die ihre Freunde und Freundesfreunde im Fachgebiet empfehlen. Für diese Beziehungspflege sollen Focus-Leser_innen dann auch noch Geld bezahlen. Und sie tun es, in Ermangelung besserer Alternativen.
Andere Patient_innen schauen sich an, welcher Arzt ihnen das “beste Gefühl” vermittelt oder welche Klinik die vollmundigere Broschüre und das bessere Essen anbietet – diese Faktoren sind jedoch in den meisten Fällen leider nicht gekoppelt an die Behandlungsqualität.

Die Bundesregierung möchte im neuen Krankenhausstrukturgesetz für die Kliniken in Deutschland endlich eine flächendeckende Qualitätssicherung und Qualitätsmessung einführen, die diesen Namen auch verdient. Die deutschen Krankenhausverbände jedoch laufen Sturm dagegen, dass sie sich verbessern sollen und ihre Qualität sich mit der anderer Häuser messen lassen soll. Die deutsche Krankenhausgesellschaft beispielsweise plant einen bundesweiten Aktionstag am 23. September 2015 “Krankenhausreform – So nicht“. Es wird behauptet, dass sich die Qualität der medizinischen Behandlung nicht messen lasse und dass eine Qualitätsmessung für die Kliniken eine unverhältnismäßige Belastung wäre, aber:

Liebe Kliniken, liebe Krankenhausgesellschaft, liebe Ärzt_innen: Es ist sehr wohl messbar, in welcher Klinik wie viele Bakterien an welcher Türklinke kleben. Es ist sehr wohl messbar, wie hoch der durchschnittliche Zeitverzug in einer Klinik ausfällt vom Eintreffen der Schlaganfallpatientin bis zu ihrer Behandlung. Es ist sehr wohl messbar, wie oft Diagnosen übersehen werden und wie viele Patienten, die nicht operiert werden dürften, in einer bestimmten Klinik trotzdem operiert werden.

All das ist möglich, und Sie sollten Ihren Widerstand dagegen aufgeben, die Qualität in unserem Gesundheitssystem endlich zu verbessern. Kliniken und Ärzt_innen, die schlechtere Qualität anbieten als andere, müssen endlich Qualitätsverbesserungen zur Bedingung für ihr Weiterbestehen erfüllen. Niemand hat das Recht, eine bessere Medizin zu verhindern. Niemand hat das Recht, den nächsten Skandal in den Dimensionen des Organspendeskandals zu riskieren.
Von einem qualitativ hochwertigeren Gesundheitssystem, von höheren Standards und besserer Hygienequalität werden langfristig auch ihre Eltern, Ihre Kinder, Ihre Partner_innen, und, wer weiß, vielleicht auch irgendwann Sie selbst profitieren.

Die Hebammen sind nur das erste Symptom eines größeren Problems

Lösungsansätze für den zusammenbrechenden Versicherungsmarkt der medizinischen Haftpflicht

Die aktuelle Lage

In den letzten Monaten war viel von den Problemen der Hebammen zu hören – massiv steigende Prämien ihrer Berufshaftpflichtversicherung haben dazu geführt, dass viele freischaffende Hebammen mit relativ wenig betreuten Geburten nicht mehr wirtschaftlich arbeiten können. Vor einem Monat wurde dann die vorläufige Lösung aus dem Bundesgesundheitsministerium präsentiert: Die gesetzlichen Krankenkassen werden für knapp ein Jahr bis Juni 2015 die gesteigerten Kosten übernehmen. In diesem Zeitraum soll eine nachhaltige Lösung für die Zukunft ausgearbeitet werden – wie diese aussehen soll, bleibt jedoch vorerst unklar.

Es war vorhersehbar, dass die freischaffenden Hebammen außerhalb der Kliniken als erste Berufsgruppe durch steigende Berufshaftpflichtprämien vom finanziellen Aus bedroht sein würden: Der Bereich der Geburtshilfe und Pränataldiagnostik gehört zu den risikoreichsten Gebieten der medizinischen Versorgung – hier werden Geschädigten von den Gerichten die höchsten Schadenssummen zugesprochen. Gleichzeitig sind Hebammen in der Geburtshilfe der Beruf mit dem geringsten Einkommen – bei Löhnen zwischen 1200 und 2100 Euro brutto pro Monat ist eine sprunghaft steigende, inzwischen über 5000 Euro pro Jahr betragende Berufshaftpflichtprämie nicht einfach zu erwirtschaften.

Doch die Hebammen stehen nicht allein vor diesem Problem: FrauenärztInnen, die außerhalb des Krankenhauses geburtshilflich tätig werden, beispielsweise als BelegärztInnen, zahlen Prämien weit über 50 000 Euro pro Jahr, ähnlich sprunghaft steigend. Auch Humangenetik und Pränataldiagnostik lassen sich ambulant nur noch durch extrem hohe Prämien mit einer Berufshaftpflicht absichern. Aber nicht nur der ambulante Sektor ist betroffen: Auch immer mehr Krankenhäuser finden kaum noch Möglichkeiten, eine Betriebshaftpflicht für ihre Klinik abzuschließen – auch dort sind jene Häuser am stärksten betroffen, die riskantere Abteilungen wie Geburtshilfe oder Chirurgie betreiben.

Worin sind all diese Probleme begründet?

Die aktuell deutliche Verschärfung ist begründet in einem Zusammentreffen zweier unvorteilhafter Entwicklungen für die Versicherer: Einerseits steigen die Schadenssummen massiv an, eine Entwicklung, die anhält und für die Versicherer kaum kalkulierbar ist. Andererseits herrscht im Versicherungsmarkt ein seit einigen Jahren deutlich verschärfter Wettbewerbsdruck, in dem überdurchschnittlich riskante, schlecht kalkulierbare Bereiche geschlossen werden und damit die Zahl der Anbieter massiv sinkt – es ist im Gesundheitswesen nicht selten, dass nur noch ein Versicherer überhaupt eine Haftpflichtversicherung anbietet.

Was wären mögliche Lösungsansätze?

1 Hochriskante Behandlungen könnten nur noch in Krankenhäusern erbracht werden
Da alle Angestellten einer Klinik über ihr Haus abgesichert sind, sind dort hochriskante Behandlungen leichter versicherbar als beispielsweise für die einzelne Hebamme. Zusätzlich greift im Krankenhaus auch in gewisser Form ein Solidarprinzip, da die Police für die gesamte Klinik gewährleistet, dass weniger riskante Bereiche wie Innere Medizin die Kosten beispielsweise der Geburtshilfe mittragen. Geburtshäuser müssten gegebenenfalls als Einrichtungen von Krankenhäusern betrieben werden, ambulant tätige Hebammen könnten ebenfalls über die Kliniken angestellt werden.

2 Eine Umlage des erhöhten Risikos auf den Preis
Ein Mechanismus, der in vielen anderen Wirtschaftsbereichen angewandt wird: Höhere Haftpflichtpolicen werden auf den Preis umgelegt. Dies ist im Gesundheitssystem jedoch nur teilweise umsetzbar, denn die Preise werden zentral verhandelt und im Voraus festgelegt. Da der politische Druck wie aktuell im Fall der freiberuflichen Hebammen auf die gesetzlichen Krankenkassen sehr hoch ist, diese Kosten voll zu übernehmen besteht das Risiko, dass die privaten Anbieter der Haftpflichtpolicen dies ausnutzen um immer höher anberaumte Prämien durch die gesetzliche Krankenversicherung erstatten zu lassen. Aus diesem Grund ist es gut, dass dieser Weg vom Bundesgesundheitsministerium vorerst nur als Zwischenlösung bis zum Juni 2015 vereinbart wurde.

3 Begrenzungen der möglichen Schadenssummen
Um eine der beiden Hauptursachen der aktuellen Krise abzumildern wäre eine Begrenzung der Schadenssummen theoretisch denkbar. Diese sind in den vergangenen Jahren jedoch nicht nur aufgrund patientenfreundlicherer Gesetzgebung gestiegen, sondern auch aufgrund präziserer Schadenskalkulationen der Gerichte und einer gesteigerten Lebenserwartung der Geschädigten. Eine Beschneidung wäre immer auch eine Beschneidung der Rechte von Geschädigten. Eine ähnlich gelagerte Forderung, wie sie aktuell auch aus dem Bundesgesundheitsministerium als langfristige Lösung vorgeschlagen wird, ist der Verzicht der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen auf ihre Regressforderungen gegenüber den privaten Haftpflichtversicherern bei Schadensfällen an ihren Versicherten. Damit entfiele zwar Kostendruck für die Haftpflichtversicherungen, KritikerInnen bemängeln jedoch zu Recht, dass die gesetzlichen Sozialkassen eigentlich nicht die Folgen medizinischer Behandlungsfehler bezahlen sollten.

4 Eine solidarische Haftpflichtversicherung – für alle Gesundheitsberufe und alle Kliniken
Was im einzelnen Krankenhaus bereits funktioniert – weniger riskante Abteilungen finanzieren die höheren Risiken der Geburtshilfe mit ab – könnte auch auf höherer Ebene funktionieren: Wenn die Versicherungsunternehmen ihre Policen nicht mehr für die einzelnen Gesundheitsberufe getrennt kalkulieren würden, mit resultierend massiven Unterschieden zwischen Hausarzt und Gynäkologin, Hebamme und Physiotherapeutin, sondern diese gemeinsam alle Risiken tragen würden, mit Ausnahme der kosmetisch-ästhetischen Medizin. Mit einem solchen Ansatz wäre für alle Kliniken und im Gesundheitsbereich Tätigen eine deutlich stabilere Beitragsentwicklung ihrer Haftpflichtversicherungen möglich. Letztlich dürfte die politische Akzeptanz einer solchen Regelung relativ hoch sein, da jedeR Beschäftige im Gesundheitswesen ein Interesse daran hat, dass ein kompletter Fachbereich wie die Geburtshilfe nicht massiv unterversorgt wird und die Beitragssteigerungen vergleichsweise gering ausfallen würden. Zusätzlich wären aber weiterhin Anreize zur Risikominimierung insbesondere für die Kliniken gegeben.

5 Ein staatlicher Fonds für alle Geschädigten medizinischer Behandlung
Wenn ein Versicherungsmarkt für ein bestimmtes Risiko zusammenbricht oder aber gar nicht erst entsteht, ertönt oft der Ruf nach einem staatlichen Fonds: So auch im Fall der medizinischen Behandlungsfehler. Ein solcher Fond wäre aber nicht nur teuer, er würde das aktuell relativ hohe Risikobewusstsein der Behandelnden, die bei einem persönlich verschuldeten Schaden mit deutlich höheren Prämien rechnen müssen, mit hoher Wahrscheinlichkeit verringern. V.a. auch die Kliniken, die aktuell kaum flächendeckend politisch zu strukturierter Qualitätssicherung gezwungen werden können, werden durch ihre Haftpflichtversicherer dazu verpflichtet. Dieser Mechanismus der Qualitätssteigerung an Kliniken würde durch einen staatlichen Fonds quasi aufgegeben. Positiv hingegen könnte gewertet werden, dass ein Fonds anders als private Versicherer keinen Gewinn erwirtschaften müsste und damit die Kosten für die Allgemeinheit unter Umständen niedriger ausfallen würden.

6 Übernahme medizinischer Behandlungsfehler durch die gesetzliche Unfallversicherung
Franz Knieps, Vorstand des Dachverbands der Betriebskrankenkassen, hat kürzlich vorgeschlagen, die Schadenssummen nach medizinischem Behandlungsfehler aus der allein durch Arbeitgeber-Beiträge finanzierten gesetzliche Unfallversicherung zu bezahlen. Insgesamt dürfte dieser Ansatz jedoch zu steigenden Beiträgen in die gesetzliche Unfallversicherung und aus diesem Grund zu massivem Protest der ArbeitgeberInnen gegen diesen Vorschlag führen. Die politische Umsetzbarkeit tendiert damit gegen Null.

Die Pille danach: Auf Dauer sogar gesünder als die normale Pille?

Für ein Umdenken in der massenhaften Kontrazeptions-Medikation junger Frauen

Wenn man in dieser Gesellschaft als junge Frau zwischen 10 und 14 zum ersten Mal zur/zum GynäkologIn geht, bekommt man meist automatisch auch gleich die Pille verschrieben. Sicher ist sicher und kostet ja auch bis zum 18. Geburtstag nichts (es sei denn man hat das Pech privat versichert zu sein). Wenn man völlig gesund ist und einem nicht Uralt-Präparate wie die Diane®-35 verschrieben werden ist das Ganze auch mit einem vertretbar geringen gesundheitlichen Risiko verbunden. Kaum aber raucht man regelmäßig, leidet an Adipositas oder hat beispielsweise ein bislang unbekanntes erhöhtes genetisches Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann die Pille sehr schnell zur bedeutenden Gesundheitsgefährdung werden – eine detaillierte Abfrage all dieser Risikofaktoren wird in vielen gynäkologischen Praxen bei der Erstverschreibung aber leider nicht durchgeführt (löbliche Ausnahmen von dieser Regel gibt es natürlich auch).

Im Ergebnis nehmen viele junge Frauen mit und ohne zusätzliche Risikofaktoren Tag für Tag, über Jahre, die Pille regelmäßig ein, obwohl sie in vielen Fällen nur unregelmäßig Sex haben und diesen oft auch mit Kondom. Die täglich eingenommene Pille aber wird nur relevant in den seltenen Fällen, in denen tatsächlich unsafe sex stattfindet – was für den Großteil junger Frauen ohne festen Partner nur sehr sporadisch der Fall ist. Für diesen seltenen Fall aber nehmen sie die dauerhafte Pillen-Einnahme, ab dem 20. Lebensjahr Rezeptzuzahlungen und monatliche Medikamentenkosten, unerwünschte Nebeneffekte wie Gewichtszunahme und gesundheitliche Risiken wie Gefäßverschlüsse in Kauf.

Der Wert der Einnahme der normalen Pille ist unbestritten für Frauen mit regelmäßigem ungeschützten Geschlechtsverkehr. Die Frage ist jedoch, ob auch für alle anderen die Einnahme der Pille eine gute Option ist. Für eine Frau, die beispielsweise nur einmal im Jahr ungeschützten Geschlechtsverkehr hat, wäre die dann einmalige Einnahme der “Pille danach” mit dem Wirkstoff Levonorgestrel oder Ulipristal eventuell eine billigere und gesundheitlich weniger riskante Option und besitzt bei korrekter Anwendung einen sehr guten Pearl-Index von bis zu 0,1 (s. Kommentare). Natürlich haben auch diese Wirkstoffe ernstzunehmende Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Störung der Regelblutung, doch sind dies alles Nebenwirkungen, die auch bei normaler Pille auftreten. Die einmalige und seltene Einnahme im Fall der “Pille danach” jedoch zeigt bislang in den klinischen Untersuchungen weder das Risiko der unter vielen normalen Pille-Präparaten auftretenden mittel- und langfristigen Nebenwirkungen noch unerwünschte Gewichtseffekte.

Warum aber wird die “Pille danach” dann nicht häufiger als Option für jene Frauen diskutiert, die nur im absoluten Ausnahmefall unsafe sex zu haben? Warum wird auch diesen Frauen die normale Pille verschrieben und zugemutet?

Dafür gibt es keine gute Begründung.

Das Bundesamt für Arzneimittelbewertung (BfArM) hat sich erst neulich wieder, zum zweiten Mal nach 2003, für eine rezeptfreie “Pille danach” ausgesprochen um den Zugang zu dieser möglichst rasch nach dem Geschlechtsverkehr zu nehmenden Medikation zu vereinfachen, doch die CDU in Person von Bundesgesundheitsminister Gröhe weigert sich mit Hinweis auf die “Risiken” hartnäckig diese ExpertInnenmeinung umzusetzen. Er stellt sich damit taub gegenüber den Argumenten der sachlichen Risikobewertung und den unnötigen gesundheitlichen Risiken, denen viele junge Frauen in dieser Gesellschaft ausgesetzt werden.

Hinweis: Dieser Text stellt lediglich die persönliche Meinung der Autorin und keine Therapieempfehlung dar. Bei medizinischen Fragen und Problemen wenden Sie sich bitte an eineN ÄrztIn. Nehmen Sie Medikamente nur gemäß den Hinweisen ihrer/s ApothekerIn ein.