Category Archives: Frauen

Sechs Gründe gegen einen Schadensfond für Hebammenfehler

Für den kommenden Länderrat an diesem Wochenende haben wir einen neuen Antrag zur Situation der Hebammen und Entbindungspflegenden erarbeitet – nach den Vorgänger-Anträgen auf der BDK in Halle war es wichtig, das drängendste Problem – die Frage der Berufshaftpflichtversicherung für Hebammen – inklusive eines konkreten, nachhaltigen Lösungsansatzes zu erarbeiten. Für die vielen weiteren Fragen, die man sich zur geburtshilflichen Situation in Deutschland stellen muss, wäre es in der kurzen Zeit nicht möglich gewesen, sinnvolle Wege aus der Krise zu entwickeln. Diese weiteren Baustellen sollen jedoch bis zur Bundestagswahl bearbeitet werden.

Nun hat die Grüne Jugend nicht einmal 48 Stunden vor der Befassung des Antrags noch einmal eine Vielzahl an Änderungsanträgen gestellt – u.a. fordert sie darin einen wahrscheinlich steuerfinanzierten Schadensfall-Fond für durch Hebammen-Kunstfehler Geschädigte, der als „Übergangslösung“ greifen soll bis das Lösungsmodell realisiert wird, das im eigentlichen Antrag vorgeschlagen wird: die solidarische Berufshaftpflicht für die Gesundheitsberufe und Kliniken in Deutschland.

Diesem Vorschlag der Grünen Jugend muss man aus einer Vielzahl von Gründen widersprechen:

1 Es ist bereits eine Übergangsregelung in Kraft – die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen bis zu 6500 Euro der Berufshaftpflichtversicherung für Hebammen und Entbindungspflegende, bei jährlichen Kosten von in 2015 6274 Euro. Man kennt ja den Drang der Grünen Jugend, zu jedem einzelnen Antrag Änderungsanträge zu stellen, wenn sich auch nur ansatzweise eine eigene Beschlusslage zum Thema findet. Man sollte aber vielleicht darauf achten, dass diese eigene Beschlusslage zum Thema nicht schon völlig veraltet ist.

2 Es wäre verfassungsrechtlich nicht haltbar, lediglich eine Gruppe von Leistungserbringer_innen im Gesundheitswesen von der Pflicht zur Berufshaftpflicht auszunehmen, andere Berufsgruppen könnten auf Gleichbehandlung klagen. Diese wurde so bereits von der Bundesärztekammer angedroht. Sollten diese Klagen erfolgreich sein wäre ein Schadensfall für sämtliche Behandlungsfehler im gesamten Gesundheitswesen  extrem kostenaufwendig für die Beitrags- und Steuerzahler_innen.

3 Ein Fond müsste steuerfinanziert sein und durch Organe der Bundesverwaltung verwaltet werden. Die interministerielle Arbeitsgruppe der Bundesregierung zur Hebammen-Problematik kam zu dem Ergebnis, dass dies nur mit erheblichen Verwaltungskosten zu realisieren wäre. Außerdem müsste ein solcher Fond dramatisch aufgestockt werden eben in dem Moment, in dem Verfassungsklagen anderer Berufsgruppen im Gesundheitswesen sowie der Kliniken erfolgreich wären und diese ihre Schadensfälle ebenfalls über den Fond abwickeln könnten.

4 Eine immer noch wichtige Komponente in der Berechnung der Haftpflichtprämie ist das Risiko für Komplikationen, insbesondere bei den Kliniken können die Haftpflichtversicherer zwingende Strukturen und Prozessqualität vorschreiben im Gegenzug für eine abgeschlossene Versicherung. Dieser nicht zu unterschätzende Qualitäts-erhaltende Effekt von Haftpflicht würde durch den Fond abgeschafft.

5 Einen Fond muss man auch aus dem Grund ablehnen, da sein Geldvolumen begrenzt ist und aus diesem Grund Geschädigte theoretisch auch leer ausgehen könnten. Die Haftpflicht aber wurde ursprünglich eingeführt, um allen Geschädigten einen Anspruch auf Entschädigung zu garantieren, unabhängig von der Vermögenssituation der behandelnden Klinik, der behandelnden Hebamme oder dem Finanzvolumen eines steuerfinanzierten Fond.

6 Letztendlich würde ein Fond für Schadensfälle im Gesundheitswesen bedeuten, dass kein Behandelnder mehr für seine Fehler haften muss. In solch einem Gesundheitssystem möchte man nicht behandelt werden, und in solch einem Gesundheitssystem wird Behandlungsqualität noch stärker ökonomischen Optimierungen zum Opfer fallen.

Aus all diesen Gründen möchte ich alle Delegierten zum Länderrat bitten, diesen Änderungsantrag der Grünen Jugend abzulehnen.

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“Frauen überschwemmen die Medizin — und das wird richtig teuer”

Die Angst vor mehr Frauen in der Medizin

Wenn sich Zeitungen mit dem steigenden Frauenanteil in der Medizin beschäftigen, dann klingt das oft wie der Anfang vom Ende der westlichen Gesundheitssysteme:

Frauen überschwemmen die Medizin — und das wird richtig teuer“, “Why having so many women doctors is hurting the NHS“, Feminisierung in der Medizin: Kostenrisiko oder Qualitätschance?” und am dramatischsten: Female doctors put NHS under ‘tremendous burden’ because they get married, have children and want to work part-time“.

“Bürde”, “Kostenrisiko”, sogar “Existenzgefährdung” der Gesundheitsversorgung – für all das sollen jene Frauen verantwortlich sein, die aktuell die Medizin “überschwemmen”. Schaut man sich die Zahlen an, klingt die Situation sofort weniger dramatisch: Von 100 MedizinstudentInnen sind aktuell ca. 60 Frauen, aber 40% immer noch männlich, und diese Zahlen sind seit über zehn Jahren nahezu konstant. Betrachtet man alle berufstätigen ÄrztInnen, dann sind aktuell 55% aller Praktizierenden männlich – es bedarf schon einiger Übertreibung, um bei einem Frauenanteil zwischen 45% insgesamt und 60% der AbsolventInnen von einer Überschwemmung zu sprechen.

Die Zahlen in Großbritannien sind ähnlich, die dortige Diskussion zum Thema ist jedoch noch hitziger und wurde maßgeblich befeuert durch einen Daily-Mail-Artikel des Chirurgen Meirion Thomas: “Warum derart viele Ärztinnen das nationale Gesundheitssystem schädigen“. In diesem stellt er folgende Thesen auf:

  1. Die Steigerung des Frauenanteils führe aufgrund von Teilzeit und Erziehungszeiten zu schwerwiegenden Engpässen der medizinischen Versorgung des britischen Gesundheitssystems NHS. Thomas geht jedoch an diesem Punkt nicht auf die Notwendigkeit besserer und flexiblerer Kinderbetreuung ein oder die steigenden Zahlen von männlichen Ärzten mit Wunsch nach Teilzeit und Erziehungsurlaub.
  2. Die häufige Teilzeittätigkeit von Ärztinnen senke die Rendite, die die SteuerzahlerInnen von ÄrztInnen eigentlich erwarten könnten, deren Studium von der Allgemeinheit finanziert wurde. Medizinstudienplätze sollten aus diesem Grund nur noch an jene BewerberInnen vergeben werden, die ihre “Schuld an die Gesellschaft voraussichtlich voll zurückzahlen”. Tatsächlich ist die Lebensarbeitszeit von Ärztinnen, aber auch Ärzten in Teilzeit meist geringer, jedoch wird auch keine ÄrztIn, die außerhalb des Krankenhauses in der Pharmaindustrie oder Versicherungswirtschaft arbeitet, gezwungen, ihre Ausbildungskosten an die Allgemeinheit zurückzuzahlen.
  3. Frauen würden anspruchsvollere Fachrichtungen wie Chirurgie meiden, in denen mehr persönliches Engagement notwendig sei und zögen stattdessen einfachere Fächer vor. Hier blendet der Autor aus, dass die Attraktivität bestimmter Fachrichtungen wie Chirurgie im Allgemeinen sinkt, sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen AbsolventInnen.
  4. Die vor allem von Frauen angestrebte Teilzeit gefährde die Kontinuität der Versorgung der/des einzelnen PatientIn. Zu diesem Punkt existieren keine überzeugenden Langzeituntersuchungen, die Kontinuität der Versorgung dürfte jedoch maßgeblicher durch Faktoren wie gutes Informationsmanagement in Praxen und Kliniken beeinflusst werden.

So weit, so einseitig. Dieser Text löste in Großbritannien eine große Protestwelle aus, doch die darin enthaltenen Thesen sind auch in Deutschlands medizinischer Community weit verbreitet, inklusive vieler konservativerer medizinischer Fakultäten: Zu oft beginnen Vorlesungen mit dem ernsten Blick des in neun von zehn Fällen männlichen Dozenten in seine ZuhörerInnenschaft, gefolgt von seinen immer gleichen Worten: “Sie sind die Zukunft der Medizin, nur Frauen – ach, da oben sitzt ein junger Kollege: Sie sind ja hier völlig in der Minderheit, aber sehr schön, dass Sie auch da sind.” Man sollte meinen, diese Erkenntnis müsste man nicht Jahr für Jahr, Woche für Woche, in immer gleicher Weise artikulieren, sodass sich manche Medizinstudentin irgendwann fragen mag, ob sie jetzt nur eine StudentIn zweiter Klasse sei. Je nach Fach wird das Ganze jedoch im Gegensatz noch getoppt durch Sätze wie “Ich will endlich mehr männliche Assistenzärzte in meiner Klinik, es ist ja schön dass sie so viele Frauen sind aber das ist ein echtes Problem: Frauen wollen ja alle nicht Chef werden, da gibt es sonst irgendwann gar keine Chefärzte mehr.”

Am häufigsten wird auch hierzulande die hohe Wahrscheinlichkeit von Ärztinnen kritisiert, in Teilzeit arbeiten zu wollen. Dabei wird jedoch verschwiegen, dass auch männliche Berufsanfänger sich von Jahr zu Jahr immer häufiger für eine Teilzeittätigkeit entscheiden und sich damit die durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten von Ärztinnen und Ärzten langsam angleichen. Dass Teilzeitarbeit die Organisation von ärztlicher Weiterbildung und der Versorgung von PatientInnen sowohl im Krankenhaus als auch ambulant zu Anpassungen zwingt ist unbestreitbar – für dieses “Problem” jedoch einseitig Frauen verantwortlich zu machen ist falsch und unfair – erst Recht angesichts der aktuell unzureichenden Kinderbetreuungangebote für ArbeitnehmerInnen mit Nachtschichten, wenig kalkulierbaren Überstunden und Wochenenddiensten.

Die möglichen positiven Seiten eines steigenden Frauenanteils in der Medizin werden hingegen in der Diskussion nahezu vollständig ausgeblendet: Frauen zeigen eine höhere Wahrscheinlichkeit, in Positionen und Disziplinen der ambulanten Versorgung zu arbeiten, die weniger gut vergütet sind und sie sind häufiger bereit, in schlecht versorgten Gebieten zu praktizieren, auch wenn sie dabei Städte dem ländlichen Raum vorziehen (und sich in diesem Punkt nicht von ihren männlichen Kollegen unterscheiden). Darüberhinaus nehmen sie sich unter anderem signifikant mehr Zeit für PatientInnen und zeigen eine patientenzentriertere Kommunikation. Dies alles sind Eigenschaften, die angesichts des ÄrztInnenmangels v.a. in der Allgemeinmedizin nicht zu unterschätzen sind.

Genauso selten wie die möglichen Vorteile eines steigenden Frauenanteils in der Medizin werden die Nachteile dargestellt, denen junge Ärztinnen in nach wie vor männerdominierten Fachdisziplinien begegnen: Ca. 37% aller Ärztinnen an US-amerikanischen Universitätskliniken berichteten sexuelle Belästigung, jedoch nur 3% aller Ärzte, wobei die Zahlen umso höher sind, umso niedriger die jeweilige Qualifikationsstufe der Ärztin istFrank et al. führen dies vor allem auf die enorme Bedeutung von Hierarchie in der Medizin, speziell der Chirurgie zurück:

“Present thought characterizes sexual harassment as primarily a manifestation of power, rather than sexual attraction. The profession of medicine, particularly in academic settings, may be especially prone to harassment because of the importance of hierarchy. This may account for the higher prevalence of harassment found in training environments in our data and the somewhat lower prevalence experienced among women physicians once they are in practice, in a typically higher place in the hierarchy. This also may be a reason that women in surgery and emergency medicine reported a higher prevalence of harassment, as these fields may particularly tolerate or even value hierarchy and authority.”

Da sexuelle Belästigung bereits Medizinstudentinnen in unterschiedlichem Ausmaß während ihrer Ausbildung begegnet, mögen die unterschiedlich erlebte Wahrscheinlichkeit sexueller Übergriffe und einer eher frauenfeindlichen Atmosphäre nicht nur in vielen chirurgischen Abteilungen einen bislang unterschätzten Einfluss auf die Wahl der Fachdisziplin haben, sondern könnten eventuell auch für die höheren Abbruchquoten in der Facharztausbildung mitverantwortlich sein.

Festzuhalten bleibt, dass sich viele ChefärztInnen und KlinikleiterInnen dramatisierend gegen den steigenden Anteil von Ärztinnen zu wehren versuchen und diesen für einen Großteil der Probleme in der Gesundheitsversorgung verantwortlich machen. Dies ist jedoch weder durch Fakten begründbar noch zielführend. Der Anteil männlicher Mediziner wird sich langfristig wahrscheinlich bis auf weiteres bei rund 40% stabilisieren, bis dahin werden jedoch noch viele Jahre vergehen, in denen Männer die Medizin dominieren – weil sie immer noch die Mehrzahl aller ÄrztInnen stellen und nahezu 90% aller Leitungspositionen inne haben. Genau aber weil sie diese Leitungspositionen heute inne haben sollten sie jetzt statt Panik zu schüren Strategien entwickeln, wie sie Teilzeit intelligent umsetzen, wie sie Vollzeitstellen für ihre Angestellten wieder attraktiver gestalten können und wie frauenfeindliche Arbeitsumfelder aufgebrochen werden können. Manche von ihnen arbeiten ja tatsächlich genau daran, und denen sei an dieser Stelle ausdrücklich gedankt.

Die Pille danach: Auf Dauer sogar gesünder als die normale Pille?

Für ein Umdenken in der massenhaften Kontrazeptions-Medikation junger Frauen

Wenn man in dieser Gesellschaft als junge Frau zwischen 10 und 14 zum ersten Mal zur/zum GynäkologIn geht, bekommt man meist automatisch auch gleich die Pille verschrieben. Sicher ist sicher und kostet ja auch bis zum 18. Geburtstag nichts (es sei denn man hat das Pech privat versichert zu sein). Wenn man völlig gesund ist und einem nicht Uralt-Präparate wie die Diane®-35 verschrieben werden ist das Ganze auch mit einem vertretbar geringen gesundheitlichen Risiko verbunden. Kaum aber raucht man regelmäßig, leidet an Adipositas oder hat beispielsweise ein bislang unbekanntes erhöhtes genetisches Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann die Pille sehr schnell zur bedeutenden Gesundheitsgefährdung werden – eine detaillierte Abfrage all dieser Risikofaktoren wird in vielen gynäkologischen Praxen bei der Erstverschreibung aber leider nicht durchgeführt (löbliche Ausnahmen von dieser Regel gibt es natürlich auch).

Im Ergebnis nehmen viele junge Frauen mit und ohne zusätzliche Risikofaktoren Tag für Tag, über Jahre, die Pille regelmäßig ein, obwohl sie in vielen Fällen nur unregelmäßig Sex haben und diesen oft auch mit Kondom. Die täglich eingenommene Pille aber wird nur relevant in den seltenen Fällen, in denen tatsächlich unsafe sex stattfindet – was für den Großteil junger Frauen ohne festen Partner nur sehr sporadisch der Fall ist. Für diesen seltenen Fall aber nehmen sie die dauerhafte Pillen-Einnahme, ab dem 20. Lebensjahr Rezeptzuzahlungen und monatliche Medikamentenkosten, unerwünschte Nebeneffekte wie Gewichtszunahme und gesundheitliche Risiken wie Gefäßverschlüsse in Kauf.

Der Wert der Einnahme der normalen Pille ist unbestritten für Frauen mit regelmäßigem ungeschützten Geschlechtsverkehr. Die Frage ist jedoch, ob auch für alle anderen die Einnahme der Pille eine gute Option ist. Für eine Frau, die beispielsweise nur einmal im Jahr ungeschützten Geschlechtsverkehr hat, wäre die dann einmalige Einnahme der “Pille danach” mit dem Wirkstoff Levonorgestrel oder Ulipristal eventuell eine billigere und gesundheitlich weniger riskante Option und besitzt bei korrekter Anwendung einen sehr guten Pearl-Index von bis zu 0,1 (s. Kommentare). Natürlich haben auch diese Wirkstoffe ernstzunehmende Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Störung der Regelblutung, doch sind dies alles Nebenwirkungen, die auch bei normaler Pille auftreten. Die einmalige und seltene Einnahme im Fall der “Pille danach” jedoch zeigt bislang in den klinischen Untersuchungen weder das Risiko der unter vielen normalen Pille-Präparaten auftretenden mittel- und langfristigen Nebenwirkungen noch unerwünschte Gewichtseffekte.

Warum aber wird die “Pille danach” dann nicht häufiger als Option für jene Frauen diskutiert, die nur im absoluten Ausnahmefall unsafe sex zu haben? Warum wird auch diesen Frauen die normale Pille verschrieben und zugemutet?

Dafür gibt es keine gute Begründung.

Das Bundesamt für Arzneimittelbewertung (BfArM) hat sich erst neulich wieder, zum zweiten Mal nach 2003, für eine rezeptfreie “Pille danach” ausgesprochen um den Zugang zu dieser möglichst rasch nach dem Geschlechtsverkehr zu nehmenden Medikation zu vereinfachen, doch die CDU in Person von Bundesgesundheitsminister Gröhe weigert sich mit Hinweis auf die “Risiken” hartnäckig diese ExpertInnenmeinung umzusetzen. Er stellt sich damit taub gegenüber den Argumenten der sachlichen Risikobewertung und den unnötigen gesundheitlichen Risiken, denen viele junge Frauen in dieser Gesellschaft ausgesetzt werden.

Hinweis: Dieser Text stellt lediglich die persönliche Meinung der Autorin und keine Therapieempfehlung dar. Bei medizinischen Fragen und Problemen wenden Sie sich bitte an eineN ÄrztIn. Nehmen Sie Medikamente nur gemäß den Hinweisen ihrer/s ApothekerIn ein.

Warum es eine neue Abtreibungsdebatte braucht

Die deutsche Fristenregelung in ihrer heutigen Form ist 20 Jahre alt. Seit 1993 dürfen schwangere Personen innerhalb der ersten 14 Schwangerschaftswochen einen Abbruch vornehmen lassen. Dafür müssen sie aber eine Beratung nachweisen, die ausdrücklich auf eine Vermeidung der Abtreibung hinwirken soll (§ 219 StGB) und nach der mindestens drei Tage vergehen müssen bevor ein Abbruch durchgeführt werden darf. Gleichzeitig gibt es in diesem Land immer noch einzelne Kliniken in katholischer Trägerschaft, die im Jahr 2013 die Erstversorgung von Vergewaltigungsopfern ablehnen und ist Deutschland eines der wenigen europäischen Länder die die “Pille danach” mit fadenscheinigen Gründen nicht rezeptfrei zur Verfügung stellen. Nicht zuletzt werden immer noch pro Jahr zwischen vier bis acht Personen auf Grundlage der Paragraphen 218 – 220 des Strafgesetzbuches verurteilt.

Darüber müssen wir sprechen, denn im Vergleich zu vielen europäischen Nachbarländern ist das deutsche Recht in Fragen des Schwangerschaftsabbruches rückständig:
Ist es noch zeitgemäß, dass Beratungsgespräche nicht ergebnisoffen, sondern explizit mit dem Ziel einer Fortführung der Schwangerschaft geführt werden müssen? Dass Beratungsgespräche überhaupt gefordert werden? Nicht nur in der ehemaligen DDR war ein Abbruch ohne verpflichtende Beratung möglich, sondern auch in den Nachbarländern Österreich und Schweiz wird nur eine medizinische Beratung gefordert.
Ist eine Frist von 14 Schwangerschaftswochen gut begründet, oder zeigen die kanadischen Regelungen dass eine Gesellschaft auch ohne Fristenregelung sensibel mit Schwangerschaftsabbrüchen umgehen kann?
Nicht zuletzt auch: Ist das Konzept der Straffreiheit in diesem Kontext noch notwendig, oder gäbe es in dieser Gesellschaft einen Konsens für eine Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen?

Die Grüne Jugend hat sich neulich an dieser Debatte versucht und ist letztlich gescheitert. Aber die Diskussion geht die gesamte Gesellschaft an und darf nicht länger vergessen werden.