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Was ich in 10 Jahren Diskussion mit Impfgegner_innen über postfaktische Kommunikation gelernt habe

Ich will nicht behaupten, dass postfaktische Populist_innen und Impfgegner-Eltern eins zu eins übertragbar wären: Aber wie die Kontrafaktischen sich in ihren Verschwörungstheorien einhegen, wie sie „Etabliertes“ und Wissenschaft ablehnen auch gegen ihre eigenen Interessen, wie sie vielen Gegenargumenten hyperaggressiv entgegenhassen und sich oft aus mittleren Einkommensschichten rekrutieren: All das habe ich auch immer wieder in den letzten 10 Jahren in Vier-Augen-Gesprächen, Mailinglisten-Schlachten und Konfrontationen in der Klinik mit impfverweigernden Eltern kennengelernt: Die Muster sind erstaunlich ähnlich. Für das Zurückholen dieser Menschen in ein rationaleres Jetzt dürfte für viele AfD-Wähler_innen das gelten, was auch für Impfverweigerer gilt: Es ist aufwendig und lang. Hier sind Ansatzpunkte, die ich in den letzten Jahren als praktikable Hilfen und Ansätze im Gespräch mit diesen Menschen erfahren habe, auf der Basis von wissenschaftlichen Publikationen zum Thema:

1) Das, was wir immer wieder versuchen, das reine Widerlegen von Un-Fakten, hilft überhaupt nicht. Jeder weiß das: Genauso wenig, wie die Gegendarstellungen der BILD den Imageschaden eines Promis ungeschehen machen, genauso wenig hilft unser Verweisen auf Impfstatistiken im Gespräch mit der impfkritischen Mutter – es dürfte in den meisten Fällen sogar kontraproduktiv sein: Es besteht das Risiko, dass damit die Erinnerung an die ursprüngliche Missinformation erneut aufgerufen und verstärkt wird. Deswegen müssen wir unseren Ansatz ändern:

2) Das beste Argument für Impfungen ist – LEIDER – eine akute Masernepidemie in Berlin mit einem an der Krankheit gestorbenen Kleinkind. Sobald die Kraft des Realen unüberwindbar groß wird erscheinen selbst den Impfkritiker_innen ihre eigenen Überzeugungen über Impfnebenwirkungen klein im Vergleich zum Risiko eines toten Kindes. Wie man das weniger dramatisch nutzen kann? Man muss die Risiken eines bestimmten Verhaltens möglichst plastisch erfahrbar oder kommunizierbar machen – besonders eindrückliche Geschichten über ein Kind, dass an Röteln erkrankt war, konnten Eltern besser vom Impfen überzeugen als ein detailliertes Widerlegen des Gedankengebäudes Impfkritik.

3) Viele Gesundheits-Esoteriker_innen sind inhaltlich in einer Dimension sehr flexibel: Während sie im einen Monat noch glauben, dass sie nur möglichst viele Vitaminpillen und Globulis schlucken müssen, gehen sie schon einen Monat später zur Bienenluft-Atemtherapie oder schließen sich einmal täglich an ihre Magnetfeldgerät an, die Vitaminpillen haben sie da oft schon vergessen – Hauptsache, es ist keine „Schulmedizin“. Ein aktives Umleiten von einer zur anderen Eso-Therapie kann manchmal hilfreich sein, wenn beispielsweise die neue deutlich billiger ist als die Vitaminpillen und man die eigenen Verwandten vor dem finanziellen Ausbluten bewahren möchte. Es zeigt auch, wie volatil die Überzeugungen sind, und wie schnell einer neuen charismatischen Idee geglaubt wird. Auch von wissenschaftlicher Seite wird postuliert, dass bei festgefügten Verschwörungstheorien das Ersetzen einer Verschwörungstheorie durch eine andere sinnvoller ist als der Versuch, faktenbasiert vom Gegenteil zu überzeugen.

4) Jede Debatte zum Thema wird nach wenigen Sekunden immens emotional. Ich habe nur dann eine Chance durchzudringen, wenn ich es schaffe, dass das Gegenüber in mir selbst keinen Wutausbruch auslösen kann – umso herrischer oder aggressiver ich werde, umso weniger werden meine Aussagen den Anderen erreichen. Das ist kein Plädoyer gegen die Wut, aber die Wut überzeugt leider nicht den harten Kern der Kontrafaktischen.

5) Umso stärker die Verbreitung eines kontrafaktischen Gedankengerüstes, umso schwerer wird es für rationale Argumente: Ist erst einmal ein festgefügtes Gedankengebäude errichtet, dann werden Gegenargumente automatisch, aufgrund auch des kognitiven Bestätigungsfehlers, als unwahr disqualifiziert – einfach, weil sie schlechter in das eigene Weltbild passen. Außerdem steigt damit die Frequenz, in der Menschen mit dieser Missinformation konfrontiert werden – allein die fortdauernde Wiederholung einer Aussage lässt sie wahrer erscheinen. Eine wichtige Maßnahme auf dem Weg zu einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz von Fakten und Wissenschaftlichkeit ist aus diesem Grund das Adressieren der Unentschiedenen: Es ist wichtig, das Verfestigen von irrationalen Gedankengebäuden zu verhindern, bevor sie zu festgefügt sind um noch zur einzelnen Person vorzudringen.

6) In emotional aufgeladenen Situationen müssen wir Menschen besonders gut vor dem Zugriff kontrafaktischer Argumente schützen: Es ist bekannt, dass viele Mütter in der emotional intensiven, verletzlichen Zeit vor und nach der Geburt v.a. über Hebammen an alternativmedizinische Erklärungsmodelle herangeführt werden – Erklärungsmodelle, die dann zu verweigerten Impfungen in den Jahren darauf führen können. Wir wissen, dass emotional aufgeladene Erzählungen leichter weitergegeben werden als emotionslose – was sich sogar für Twitter zeigen lässt. Deswegen ist es so wichtig, dass wir die Hebammen noch stärker gewinnen für eine wissenschaftlich fundierte Geburtshilfe. Auch der Verlust des Arbeitsplatzes, Scheidungen und Privatinsolvenzen können emotional verwundbare biografische Meilensteine sein.

7) Diskutiere nicht mit Opas (und Omas): Komplizierte Mechanismen, die an das abnehmende Gedächtnis gekoppelt sind scheinen dazu zu führen, dass bei älteren Menschen rationale Argumente die initiale Missinformation besonders stark verstärken und plausibel erscheinen lassen. Das kann man einerseits als Argument gegen die überalternde Gesellschaft sehen, andererseits als Ansporn, stärker in die Demenzforschung und die des kognitiven Abbaus zu investieren. Vor allem aber versuche ich nicht mehr, einen 80-Jährigen von den Impfungen seiner Enkel zu überzeugen – zumindest nicht, bis wir stark wirksame Anti-Demenz-Therapien zur Verfügung haben.

8) Das Internet ist voll mit Blogs impfkritischer Eltern – wenn man Informationen zu Impfungen googlet, dann kommen auf eine wissenschaftlich fundierte Site ca. 20 verschwörungstheoretische. Wir müssen Suchmaschinen wie google stärker in die Pflicht nehmen, wir müssen aber auch rationale Informationen besser und verständlicher und breiter verfügbar machen – die PatientInneninformationen des IQWIG sind ein guter, noch zu unbekannter Schritt in die richtige Richtung.

9) Die Schwächen und Skandale der wissenschaftlichen Medizin sind willkommene Eintrittsstellen für die virulenten Verschwörungstheorien der Impfgegner_innen: Wenn Forscher_innen Ergebnisse fälschen und Ärzt_innen bestechlich sind, wenn die Nachbarin von Behandlungsfehlern erzählt, dann sind das die Einfallstore des Zweifels, auf deren Basis Verschwörungstheorien entstehen können und immer stabiler und wirkmächtiger werden. Wenn wir die Impfquoten steigern wollen, wenn wir die Demokratie erhalten wollen, dann müssen wir als Ärzt_innen und als politisch Engagierte deutlich besser werden: Kompromisslos unbestechlich, rigoros Skandale in unseren Reihen aufklären, sehr hohe Transparenz gewährleisten. Selbst dann wird es noch schwer genug sein.

10) Wir müssen denen, die mit dem Kontrafaktischen ihr Geld verdienen, diesen Geldhahn so gut wie möglich zudrehen – andernfalls steigen zu viele Trittbrettfahrer_innen und Opportunist_innen ins Geschäft des leicht verdienten Geldes ein, professionalisieren sich und weiten dafür die kontrafaktische Kommunikation immer weiter aus – ein Phänomen, dass wir aus der Esoterikbranche genauso kennen wie von Fake-News-Anbietern.

Die traurige, aber wichtige Erkenntnis: Sind Missinformationen erst einmal in der Welt, ist es enorm schwer, ihre Folgen einzudämmen oder sie ganz aus der Welt zu räumen – deswegen muss es uns in allen relevanten Bereichen darum gehen, die Zahl der Misinformationen stark zu begrenzen und ihre Verbreitung einzuhegen.

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Die neue Zweiklassengesellschaft innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung

Die Leistungsschere in der gesetzlichen Krankenversicherung geht auf
Im Moment zeichnet sich der Trend ab, dass neben den Beitragssätzen auch die Leistungsunterschiede zwischen den verschiedenen gesetzlichen Krankenkassen deutlich zunehmen: Der maximale Beitragsunterschied zwischen der billigsten und teuersten gesetzlichen Krankenkasse beträgt nun 860 Euro pro Jahr – vor eineinhalb Jahren waren das noch 445 Euro. In der Folge versuchen sowohl die teuersten als auch die billigsten Krankenkassen ihr Leistungsangebot zu straffen, um zusätzliche Kosten zu vermeiden. Im Gegensatz zu früheren Jahren geht es dabei nicht mehr nur um freiwillige Leistungen wie Homöopathie oder Yogakurse, sondern wir beobachten immer mehr Einzelfälle, in denen die Leistungen im Kernbereich der Gesundheitsversorgung rationiert werden:

1) Aufgrund  von Abrechnungsstreitigkeiten mit gesetzlichen Krankenkassen lehnen einzelne niedergelassen Ärzt_innen nun unter der Hand Versicherte bestimmter gesetzlicher Krankenkassen ab. Teilweise werden Versicherte auch dann abgelehnt, wenn die Praxis mit einzelnen Krankenkassen gesonderte Verträge abgeschlossen hat, die deren Versicherten z.B. Termine innerhalb einer bestimmten Wartezeit zusichert. Diese blockieren dann meist so viele Termine, dass Patient_innen anderer Kassen nicht mehr berücksichtigt werden können.

2) Einzelne Rehahäuser lehnen die Hilfsmittel-Rezepte bestimmter Versicherter ab, zum Beispiel für einen Rollator, da die jeweilige Krankenkasse nur extrem niedrige, nicht kostendeckende Beträge erstattet. Für Sachmittel, egal ob Inkontinenzwindel oder Rollator, werden teilweise nur noch die billigsten Modelle erstattet – mit erheblichen Einbußen der Lebensqualität der Versicherten. Das ist deswegen problematisch, weil anders als bei Generika-Medikamenten bei den Hilfsmitteln teilweise tatsächlich enorme Qualitätsunterschiede bestehen.

3) Krankentransportkosten, beispielsweise die Taxifahrt von der Klinik nach Hause, müssen Versicherte bestimmter Krankenkassen nun selbst finanziell vorstrecken. Das ist eine Abkehr vom Sachleistungsprinzip der gesetzlichen Krankenkassen. Für Patient_innen, die beispielsweise mehrmal pro Woche zur Dialysebehandlung fahren müssen, kommen so schnell mehrere hundert Euro pro Monat zusammen.

Wir Grüne streiten seit Jahren für eine Bürger_innenversicherung in der Krankenversicherung. Wir wollen die für beide Seiten unfaire Zweiteilung der Gesundheitsversorgung überwinden: Ein System, in dem privat Versicherte stark überhöhte Krankenkassenbeiträge bezahlen müssen um eine kaum regulierte Überversorgung in der privaten Krankenversicherung zu finanzieren. Ein System, in dem mittlere Einkommen nahe an der Beitragsbemessungsgrenze fast allein die solidarische Mitversicherung von Alten, Kindern und Geringverdiener_innen stemmen müssen und damit überdurchschnittlich belastet werden. Aber genau deswegen sollten wir den Fehlentwicklungen innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung besonders sensibel begegnen, Fehlentwicklungen, die aus der kontraproduktiven Zwei- eine noch problematischere Dreiklassenmedizin machen: Gegenrezepte für diese neuen und für den einzelnen Versicherten drastischen Fehlentwicklungen müssen wir mitdenken, wenn wir unsere neue Version für eine grüne Bürger_innenversicherung im nächsten Jahr debattieren.