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Eine Stiftung Warentest für die Medizin ist möglich

Ein funktionierender Markt braucht Transparenz über die Qualität der Güter. Verbraucher_innen müssen wissen, was sie kaufen. Für einige Produkte können sie das selbst einschätzen, für viele andere gibt es Qualitätskontrollen, DIN-Kriterien und Einrichtungen wie die Stiftung Warentest.
Damit werden in dieser Gesellschaft  Pferdefleischskandale und Pestizidbelastungen von Babynahrung aufgedeckt. Autos wie die Mercedes A-Klasse kommen nicht in den Verkehr, bevor sie den Elchtest bestanden haben. Wir wissen, dass Milch und Butter regelmäßig durch die Lebensmittelbehörden kontrolliert werden und fürchten uns deswegen kaum vor Keimbelastungen.
Wir vertrauen auf diese Kontrollen und Prüfungen im Hintergrund, denn wir hätten gar nicht Zeit, das alles selbst zu kontrollieren. Wir sind so lang nicht alarmiert, wie wir nichts Gegenteiliges hören. Kommt aber ein Skandal ans Licht, bestrafen wir die Hersteller_innen mit Boykott. So funktioniert das in unserer Gesellschaft, so setzen wir Qualitätsstandards durch und so belohnen wir  Hersteller_innen mit besonders hohem Qualitätsbewusstsein. Eine Abwärtsspirale der Qualität würde überall da einsetzen, wo Qualitätsmängel nicht auch für Verbraucher_innen offensichtlich und leicht nachprüfbar wären.

Wir merken es, wenn ähnliche Qualitätskontrollen nicht einfach für uns verfügbar sind: Auf dem Wohnungsmarkt. In der Baubranche. Und in der Medizin. In all diesen Bereichen werden mangels breit angelegter und relevanter Qualitätskontrollen nicht jene belohnt, die höhere Qualität anbieten als ihre Konkurrent_innen, sondern ausschließlich jene, die den Preis maximal zu drücken bereit sind und gleichzeitig gute Qualität glaubwürdig suggerieren können.

Im Falle der Medizin heißt das zum Beispiel: Auf der Suche nach einer guten Kardiologin greifen Patient_innen ersatzweise zu subjektiven “Rankings” wie der problematischen Focus-Ärzteliste: Jedes Jahr mit viel Aufwand angekündigt, fußt sie zu großen Teilen auf der persönlichen Meinung von Chefärzten, die ihre Freunde und Freundesfreunde im Fachgebiet empfehlen. Für diese Beziehungspflege sollen Focus-Leser_innen dann auch noch Geld bezahlen. Und sie tun es, in Ermangelung besserer Alternativen.
Andere Patient_innen schauen sich an, welcher Arzt ihnen das “beste Gefühl” vermittelt oder welche Klinik die vollmundigere Broschüre und das bessere Essen anbietet – diese Faktoren sind jedoch in den meisten Fällen leider nicht gekoppelt an die Behandlungsqualität.

Die Bundesregierung möchte im neuen Krankenhausstrukturgesetz für die Kliniken in Deutschland endlich eine flächendeckende Qualitätssicherung und Qualitätsmessung einführen, die diesen Namen auch verdient. Die deutschen Krankenhausverbände jedoch laufen Sturm dagegen, dass sie sich verbessern sollen und ihre Qualität sich mit der anderer Häuser messen lassen soll. Die deutsche Krankenhausgesellschaft beispielsweise plant einen bundesweiten Aktionstag am 23. September 2015 “Krankenhausreform – So nicht“. Es wird behauptet, dass sich die Qualität der medizinischen Behandlung nicht messen lasse und dass eine Qualitätsmessung für die Kliniken eine unverhältnismäßige Belastung wäre, aber:

Liebe Kliniken, liebe Krankenhausgesellschaft, liebe Ärzt_innen: Es ist sehr wohl messbar, in welcher Klinik wie viele Bakterien an welcher Türklinke kleben. Es ist sehr wohl messbar, wie hoch der durchschnittliche Zeitverzug in einer Klinik ausfällt vom Eintreffen der Schlaganfallpatientin bis zu ihrer Behandlung. Es ist sehr wohl messbar, wie oft Diagnosen übersehen werden und wie viele Patienten, die nicht operiert werden dürften, in einer bestimmten Klinik trotzdem operiert werden.

All das ist möglich, und Sie sollten Ihren Widerstand dagegen aufgeben, die Qualität in unserem Gesundheitssystem endlich zu verbessern. Kliniken und Ärzt_innen, die schlechtere Qualität anbieten als andere, müssen endlich Qualitätsverbesserungen zur Bedingung für ihr Weiterbestehen erfüllen. Niemand hat das Recht, eine bessere Medizin zu verhindern. Niemand hat das Recht, den nächsten Skandal in den Dimensionen des Organspendeskandals zu riskieren.
Von einem qualitativ hochwertigeren Gesundheitssystem, von höheren Standards und besserer Hygienequalität werden langfristig auch ihre Eltern, Ihre Kinder, Ihre Partner_innen, und, wer weiß, vielleicht auch irgendwann Sie selbst profitieren.

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