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Impfen: Eine Frage der grünen Solidarität

Warum auch Grüne guten Gewissens für eine Impfpflicht eintreten sollten und Biggi Bender verantwortungslos handelt

Die aktuellen Ausbrüche von Masernerkrankungen sind dramatisch. Plötzlich nehmen Menschen das Wort “Impfpflicht” in den Mund, die sich bis vor kurzem noch nie mit öffentlicher Gesundheit beschäftigt haben. Gerade noch herrschte in Deutschland breite Einigkeit darüber, dass eine Impfpflicht in diesem Land politisch in keinster Weise vermittelbar wäre, von Ärztekammern bis in alle politischen Fraktionen. Nun aber kippt die Debatte erstmals, die Vorteile einer Impfpflicht werden breit diskutiert. Wir Grüne sollten uns überlegen, ob unsere Ablehnung verpflichtender Impfungen noch zeitgemäß ist.

Über was sprechen wir?

Jährlich sterben eineinhalb Millionen Kinder an Krankheiten, die durch Impfung verhindert werden könnten. Knapp die Hälfte dieser Tode ist Masern zuzuschreiben.

Masern sind eine der ansteckendsten Erkrankungen. Die Infektion kann tödlich verlaufen, wenn es zu einer Lungenentzündung oder Hirnentzündung kommt – mit maximaler medizinischer Therapie versterben ca. 0,1 – 0,2% der Erkrankten, weltweit sterben jährlich ca. eine Million Kinder bei insgesamt 30 Millionen Erkrankungen pro Jahr. Die Nebenwirkungen der Impfung umfassen ein erhöhtes Risiko für Hirnhautenzündungen in den ersten zehn Wochen nach Impfung und ein gering erhöhtes Risiko für Fieberkrämpfe in den ersten zwei Wochen nach Immunisierung. Das Risiko einer Nebenwirkung ist damit deutlich geringer und weniger schwerwiegend als das einer Erkrankung mit fatalem Ausgang.

Nicht jeder Mensch darf jedoch geimpft werden: Säuglinge, aber auch Schwangere oder Menschen mit Immundefekten. Sie sind aber ebenfalls vor Ansteckungen geschützt, wenn zwischen 93 – 95% der Bevölkerung geimpft sind, die sogenannte Herdenimmunität. Eine hohe Durchimpfungsrate in der Gesellschaft schützt also vor allem ihre schwächsten Mitglieder vor einer Erkrankung, das Impfen wird zum solidarischen Akt mit Schwächeren in der Gesellschaft. In Deutschland werden in der Gesamtbevölkerung die erforderlichen Durchimpfungsraten jedoch nicht erreicht, auch wenn die Impfraten der Schulkinder langsam ansteigen.

Höchst problematisch wird es, wenn sich in bestimmten Gruppen Nichtgeimpfte überdurchschnittlich oft wiederfinden, wie im Beispiel einer Waldorfschule mit einer Impfquote von lediglich 25% und 18 Masern-Erkrankten.

Warum eine Impfpflicht?

Natürlich bedeutet eine Impfpflicht einen großen Einschnitt in die Selbstbestimmung des und der Einzelnen. Auf der anderen Seite gefährdet die Entscheidung gegen eine Impfung nicht nur die eigene Gesundheit und die der eigenen Kinder, sondern auch die Gesundheit Dritter. Aufgrund dieser Gefährdung der Allgemeinheit haben sich GesetzgeberInnen und Gerichte immer wieder für eine allgemeine Impfpflicht entschieden:

In der alten Bundesrepublik existierte eine Impfpflicht für Pocken bis 1976 – eine weltweite Initiative der WHO, an deren Ende die erfolgreiche Ausrottung der Pocken stand. Im 19. Jahrhundert führte der Großteil der europäischen Staaten verpflichtende Impfungen ein, die erst unter dem Eindruck stark zurückgedrängter Erkrankungen wieder aufgeweicht wurden. In Ländern wie den USA existiert auch heute noch eine Impfpflicht für SchülerInnen öffentlicher Einrichtungen, mit dem Ergebnis wesentlich besserer Durchimpfungsraten. In Australien wurden staatliche Leistungen ab 1998 an vollständige Immunisierungen des Kindes gebunden, womit erfolgreich die damals niedrigen Impfraten von 75% auf 94% erhöht werden konnten. Andererseits erreichen wenige Staaten Nordeuropas und die Niederlande hohe Impfraten auch ohne verpflichtende Impfungen (eine Übersicht über die Impf-Regelungen aller europäischer Mitgliedsstaaten findet sich hier).

Insgesamt haben verpflichtende Impfregelungen gezeigt, dass sie zuverlässiger als andere Maßnahmen eine ausreichend hohe Durchimpfungsrate in Bevölkerungen erzielen können. Nichtsdestotrotz existieren einige wenige westliche Staaten, in denen auch ohne Verpflichtung eine hohe Impfrate erreicht wird – dies ist für Deutschland jedoch nicht der Fall.

Warum handelt Biggi Bender verantwortungslos?

Biggi Bender hat sich in einem Gastbeitrag vom 08.07.2013 im Ärzteblatt gegen eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen, den wir an anderer Stelle einem Faktencheck unterzogen haben. Konkret schreibt sie dort:

“Wir haben in Deutschland aus guten Gründen keine Impfpflicht, […] eine Impfung ist stets und zuallererst eine persönliche Abwägung von Nutzen und Risiken. Außerdem käme eine Impfpflicht für den aktuellen Masernausbruch zu spät.

[…] Das Gegenteil von Vertrauen, nämlich Misstrauen und eine sinkende Impfbereitschaft, bewirken Forderungen nach einer Impfpflicht oder gar nach einem Ausschluss von ungeimpften Kindern aus Schule oder Kindergarten. […] Wie auch immer die Impf­entscheidungen (der Eltern) ausfallen, sie sind zu respektieren. Schließlich ist – neben möglichen akuten Nebenwirkungen – nach wie vor ungeklärt, welche Auswirkungen Impfungen langfristig auf die organismuseigene Immunregulation haben.”

Ihr Statement ist an mehreren Punkten angreifbar:

Ja, für den aktuellen Masernausbruch käme eine Impfpflicht zu spät. Er wäre jedoch mit einer höheren Durchimpfungsrate wesentlich unwahrscheinlicher gewesen. Was auch verschwiegen wird: Zukünftige Masernausbrüche werden sich nur verhindern lassen, wenn die Durchimpfungsraten steigen. Darüberhinaus beschwört sie im abschließenden, letzten Satz einmal mehr die wissenschaftlich wenig stichhaltigen “Langzeitfolgen” einer Impfung. Woher sie diese Information bezieht bleibt ihr Geheimnis.

Eine neue grüne Position: Aus Verantwortung für die ganze Gesellschaft

Eine höhere Impfrate in Deutschland ist nötig, um vermeidbare Todesfälle und Erkrankungen zu verhindern. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sie auch hierzulande zu erhöhen: Eine allgemeine Impfpflicht, eine verpflichtende Immunisierung für Kindergarten- und Schulkinder, eine Kopplung des Kindergeldes an einen vollständigen Impfstatus oder aber auch andauernde, groß angelegte Kampagnen für Impfungen, die die Argumente der ImpfgegnerInnen wiederlegen. Es ist Zeit, dass sich die Grünen von esoterisch gefärbten Vorlieben ihres ehemaligen Kernklientels verabschieden und auch in diesem Punkt Verantwortung für die gesamte Gesellschaft übernehmen.

Wie Biggi Bender aber einfach die Situation kleinzureden und stattdessen vor den “Langzeitfolgen” der Impfungen zu warnen ist grotesk. Und verantwortungslos.

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