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Rede von Pascal auf dem 116. Deutschen Ärztetag

Ich hatte die Gelegenheit als Vertreter der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) auf dem Deutschen Ärztetag eine Rede zu halten. Der eigentliche Text, sowie die Berichte der Medizinstudierenden zum 116. Deutschen Ärztetag sind hier abzurufen: http://bvmd.de/mv/dat_2013/

In meiner Rede habe ich an das Positionspapier der bvmd zur Beeinflussung der Freiheit von Gesundheitsversorgung angeknüpft. Nach der Rede erhielt ich sowohl Lob als auch einige sehr harte Kritik. Letztere reichte von “Ich kann selbst entscheiden, von wem ich mich beeinflussen lasse” über “in 5-10 Jahren sehen Sie das anders” bis zu “Ihr Tonfall und ihre Kritik sind eine Unverschämtheit, was maßen Sie sich an?”. Wir wurden von einigen Delegierten und auch von Prof. Montgomery verteidigt. Die Studierenden und das Thema waren plötzlich sehr präsent und auf darauffolgenden Tag hat sich der Deutsche Ärztetag sogar für eine Offenlegung der Zuwendungen ausgesprochen. Nun aber zum Redebeitrag, es gilt das gesprochene Wort:

 

Sehr geehrter Herr Präsident,
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich zu Beginn im Namen der Bundesvertretung der Medizinstudierenden ganz herzlich für die Einladung zum 116. Ärztetag und die freundliche Begrüßung bedanken. Daran anschließend möchte ich mich auch für die beeindruckende Rede von Prof. Maio bedanken. Und ich sehe, dass auch Sie von der Rede beeindruckt waren und es Beifall von Ihnen gegen die „Beeinflussung der Medizin durch die Ökonomie“ gab.

Das sehen wir als Studierende ganz ähnlich, wir stellen uns ebenfalls gegen Einflüsse, die nicht dem Patientenwohl dienen.
Beeinflusst werden Therapien aber nicht nur durch ökonomische Zwänge, nein sie werden auch unbewusst durch Kontakte mit der Medizinindustrie beeinflusst. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, die Arzneimittel- und Medizinprodukteindustrie pauschal zu verurteilen hilft uns nicht weiter, vielmehr brauchen wir sie für neue, bessere Therapien.

Aber es hat doch nichts mehr mit der ursprünglichen Idee der Unternehmen zu tun, wenn mehr Geld in das Marketing, als in die Forschung fließt. Und wenn das als Problem betrachtet wird, dann müssen wir uns fragen: Treffen Ärzte nach dem Besuch eines Industriereferenten noch unabhängige Entscheidungen?

Wenn Reisen, Essen, Geschenke oder Lehrstühle finanziert werden, behält der Arztdann die Unabhängigkeit, mit der die Freiheit des ärztlichen Berufs begründet wird?Die Studienlage zeigt eindeutig, dass sich das Entscheidungsverhalten durch Industriekontakte verändert.

Um an dieser Stelle selbstkritisch zu sein: Auch Medizinstudierende können durch Geschenke, Essen, Lernmaterialen, finanzierte Veranstaltungen beeinflusst werden.Genau deswegen beschäftigt uns als Studierende dieses Thema. Alle Lehrveranstaltungen zu Kommunikation und Ethik verlieren doch ihren Sinn, wenn die dort gelehrten Werte an anderer Stelle nicht auch vorgelebt werden.Das ist nicht nur zwiespältig, es ist auch schädlich. Für die Ärzteschaft und für das Vertrauen!

Und so wird auch von vielen Stellen ein Vertrauensverlust gegenüber den Ärztinnen und Ärzten beklagt. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war sogar kürzlich die Rede davon, dass das Arztsein zu einer Dienstleistung mit moralischen Ansprüchen wird.Ich frage mich und Sie an dieser Stelle: Darf es soweit kommen?Ich finde nicht!Müssen nicht wir als jetzige und zukünftige Ärzteschaft alles dafür tun, dass das Vertrauensverhältnis mit Patienten erhalten bleibt?

Gerade die Ärzteschaft muss doch sagen können, dass sie gegen Strukturen vorgeht, die Beeinflussung erlauben, dass sie für unbeeinflusste Therapien kämpft und dass sie sich an ihre eigenen moralischen Grundsätze hält. Daher müssen die Fälle von Bestechung und Bestechlichkeit durch das Strafgesetzbuch ahndbar gemacht werden. Daher müssen Zuwendungen von Arzneimittel- und Medizinprodukteherstellern an Ärzte durch eben diese Hersteller offen gelegt werden. Daher müssen medizinische Sachverständige mit spezifischen Interessenkonflikten von Gremien mit Entscheidungsfunktionen ausgeschlossen werden.

Ärztinnen und Ärzte sind nicht mehr die fehlerlosen Halbgötter in Weiß, sie werden hinterfragt und müssen für Anerkennung und Würde vielleicht mehr leisten als früher. Aber das ist doch keine negative Entwicklung, denn es ist keine Diskreditierung der Ärzteschaft, es ist eine Chance. Es ist eine Chance neue Wege, diese aufgezeigten Wege, zu gehen. Es ist eine Chance Vertrauen zu gewinnen und den, wie Jörg-Dietrich Hoppe es ausdrückte, Grundton des Arztseins wieder anzuschlagen.

Es ist letztlich die Chance das Arztsein wieder vom Dienstleistungsberuf mit moralischen Ansprüchen zu einem sozialen Beruf mit moralischem Fundament zu machen!