Monthly Archives: May 2013

EsoterikerInnen bei den Grünen – Von der größten Schwäche einer kleinen Partei

Wenn man bei den Grünen eintritt, dann weiß man, dass man sich damit in ein Esoterik-freundliches Umfeld begibt. Ein Umfeld, in dem kruden Weltverschwörungs- und -errettungsfantasien teilweise größeres Verständnis entgegengebracht wird als anderswo. Schon nach wenigen Wochen merkt man, dass es zwei Sorten von Grünen gibt: Die, die Mitglied werden weil sie den Kampf für Homöopathie und oft auch gegen Impfungen ähnlich wichtig finden wie die Senkung der CO2-Emissionen. Auf der anderen Seite die, die trotz der in ihrer Omnipräsenz oft nur schwer erträglichen EsoterikfanatikerInnen bei den Grünen sind, weil ihnen all die anderen Themen zu wichtig sind und sie über das bisschen Esoterik schon irgendwie hinwegsehen können.

Esoterik bei den Grünen fällt seit jeher auf fruchtbaren Boden – das bekannteste und bei den Grünen am stärksten grassierende Beispiel ist das der Homöopathie. Aber auch die anthroposophischen Lehren Rudolf Steiners in Form von demeter-Landbau bis Waldorfpädagogik, Technikphobie und auch die sehr gefährliche Impfkritik finden bei den Grünen zuverlässig politische FürsprecherInnen und DurchsetzerInnen. Ohne die Grünen und die durch sie initiierten Wahltarife der gesetzlichen Krankenkassen wäre es heute nicht möglich, dass gesetzliche Krankenversicherer Methoden wie Homöopathie und “Eigenharntherapie” auf Kosten der Solidargemeinschaft erstatten dürfen, entgegen aller wissenschaftlichen Unwirksamkeitsnachweise.

Es ist an anderer Stelle schon vielfach und sehr gut dargestellt worden, warum die Wirksamkeit z.B. von Homöopathie abschließend ausgeschlossen werden kann, u.a. im exzellenten “Programm Evaluation Komplementärmedizin” des schweizerischen Bundesamtes für Gesundheit. Wenn man es jedoch wagt als Grüne, innerhalb der Grünen, mit Anträgen oder Beschlüssen die grüne Förderung der Homöopathie zu kritisieren, schlägt einem das  Unverständnis einer sich plötzlich aufbauenden Front von Homöopathiefans sehr kalt ins Gesicht. Man muss sich sofort als “SchulmedizinerIn” und als “VerbündeteR der Pharmaindustrie” beschimpfen lassen. Führende Bundestagsabgeordnete fragen, warum man so “fanatisch” gegen Homöopathie agiere, und erzählen Geschichten von der eigenen Stuhlgangtherapie.

Es ist nicht so, als ob es keine positiven Anzeichen für eine vorsichtige Wandlung der Grünen hin zu einer aufgeklärteren Partei gäbe – die vergangene Bundesdelegiertenkonferenz ging beispielsweise konform mit Steffi Lemkes Aussage, dass der “allgemeine Zugang zu AlternativmedizinerInnen” keine zentrale Frage für das Bundestagswahlprogramm darstelle. Es war auch die gleiche Bundesdelegiertenkonferenz die anschließend beschloss, dass grüne Gesundheitspolitik sich nicht mehr als primär “ganzheitlich”, sondern “ortsnah und bedarfsgerecht” versteht. Aber auch im dort beschlossenen Wahlprogramm für die kommende Bundestagswahl werden wieder öffentliche Forschungsgelder für “Alternativmedizin” gefordert, und die Entwicklung solcher Forschungsmethoden, die die “Wirksamkeit” von Alternativmedizin nachweisen könnten. Wenn “herkömmliche” Wissenschaft keine Wirksamkeit zeigen kann, muss eben auch gleich eine neue, passend gemachte Wissenschaft her. Das ist leider grüne Logik im aktuellen Wahlprogramm:

“Es sind geeignete Methoden zum Wirksamkeitsnachweis für die Komplementärmedizin als auch andere medizinische Bereiche (z.B. Physio- oder Psychotherapie) zu entwickeln. Dafür sind öffentliche Forschungsgelder zur Verfügung zu stellen.”

Die gesamte Wissenschaftsfeindlichkeit großer und meinungsbildender Teile der Grünen verdichtet sich beispielhaft in einer Figur: Barbara Steffens, erste grüne Gesundheitsministerin auf Landesebene.

Es ist peinlich in einer Partei Mitglied zu sein, deren erste Landes-Gesundheitsministerin in wöchentlichen Abständen WissenschaftlerInnen in ihrer Gesamtheit als “anmaßend” beschimpft, auf der anderen Seite aber Sitze für Homöopathie-QuacksalverInnen in den zentralen Gremien der Gesundheitspolitik wie dem Gemeinsamen Bundesausschuss fordert und dafür von keineR einzigen führenden Grünen öffentlich zur Rechenschaft gezogen wird.

Denn: Eine grüne Partei, die ganz offen Wissenschaft verhöhnt macht sich mitverantwortlich an der Verdummung der Gesellschaft. Sie beteiligt sich daran knappe Ressourcen zu verschwenden und den Ruf von WissenschaftlerInnen fahrlässig zu beschädigen. Sie verhindert damit den gesellschaftlichen Fortschritt, als dessen Wegbereiterin sie sich selbst so gern rühmt.

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Rede von Pascal auf dem 116. Deutschen Ärztetag

Ich hatte die Gelegenheit als Vertreter der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) auf dem Deutschen Ärztetag eine Rede zu halten. Der eigentliche Text, sowie die Berichte der Medizinstudierenden zum 116. Deutschen Ärztetag sind hier abzurufen: http://bvmd.de/mv/dat_2013/

In meiner Rede habe ich an das Positionspapier der bvmd zur Beeinflussung der Freiheit von Gesundheitsversorgung angeknüpft. Nach der Rede erhielt ich sowohl Lob als auch einige sehr harte Kritik. Letztere reichte von “Ich kann selbst entscheiden, von wem ich mich beeinflussen lasse” über “in 5-10 Jahren sehen Sie das anders” bis zu “Ihr Tonfall und ihre Kritik sind eine Unverschämtheit, was maßen Sie sich an?”. Wir wurden von einigen Delegierten und auch von Prof. Montgomery verteidigt. Die Studierenden und das Thema waren plötzlich sehr präsent und auf darauffolgenden Tag hat sich der Deutsche Ärztetag sogar für eine Offenlegung der Zuwendungen ausgesprochen. Nun aber zum Redebeitrag, es gilt das gesprochene Wort:

 

Sehr geehrter Herr Präsident,
Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich zu Beginn im Namen der Bundesvertretung der Medizinstudierenden ganz herzlich für die Einladung zum 116. Ärztetag und die freundliche Begrüßung bedanken. Daran anschließend möchte ich mich auch für die beeindruckende Rede von Prof. Maio bedanken. Und ich sehe, dass auch Sie von der Rede beeindruckt waren und es Beifall von Ihnen gegen die „Beeinflussung der Medizin durch die Ökonomie“ gab.

Das sehen wir als Studierende ganz ähnlich, wir stellen uns ebenfalls gegen Einflüsse, die nicht dem Patientenwohl dienen.
Beeinflusst werden Therapien aber nicht nur durch ökonomische Zwänge, nein sie werden auch unbewusst durch Kontakte mit der Medizinindustrie beeinflusst. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, die Arzneimittel- und Medizinprodukteindustrie pauschal zu verurteilen hilft uns nicht weiter, vielmehr brauchen wir sie für neue, bessere Therapien.

Aber es hat doch nichts mehr mit der ursprünglichen Idee der Unternehmen zu tun, wenn mehr Geld in das Marketing, als in die Forschung fließt. Und wenn das als Problem betrachtet wird, dann müssen wir uns fragen: Treffen Ärzte nach dem Besuch eines Industriereferenten noch unabhängige Entscheidungen?

Wenn Reisen, Essen, Geschenke oder Lehrstühle finanziert werden, behält der Arztdann die Unabhängigkeit, mit der die Freiheit des ärztlichen Berufs begründet wird?Die Studienlage zeigt eindeutig, dass sich das Entscheidungsverhalten durch Industriekontakte verändert.

Um an dieser Stelle selbstkritisch zu sein: Auch Medizinstudierende können durch Geschenke, Essen, Lernmaterialen, finanzierte Veranstaltungen beeinflusst werden.Genau deswegen beschäftigt uns als Studierende dieses Thema. Alle Lehrveranstaltungen zu Kommunikation und Ethik verlieren doch ihren Sinn, wenn die dort gelehrten Werte an anderer Stelle nicht auch vorgelebt werden.Das ist nicht nur zwiespältig, es ist auch schädlich. Für die Ärzteschaft und für das Vertrauen!

Und so wird auch von vielen Stellen ein Vertrauensverlust gegenüber den Ärztinnen und Ärzten beklagt. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war sogar kürzlich die Rede davon, dass das Arztsein zu einer Dienstleistung mit moralischen Ansprüchen wird.Ich frage mich und Sie an dieser Stelle: Darf es soweit kommen?Ich finde nicht!Müssen nicht wir als jetzige und zukünftige Ärzteschaft alles dafür tun, dass das Vertrauensverhältnis mit Patienten erhalten bleibt?

Gerade die Ärzteschaft muss doch sagen können, dass sie gegen Strukturen vorgeht, die Beeinflussung erlauben, dass sie für unbeeinflusste Therapien kämpft und dass sie sich an ihre eigenen moralischen Grundsätze hält. Daher müssen die Fälle von Bestechung und Bestechlichkeit durch das Strafgesetzbuch ahndbar gemacht werden. Daher müssen Zuwendungen von Arzneimittel- und Medizinprodukteherstellern an Ärzte durch eben diese Hersteller offen gelegt werden. Daher müssen medizinische Sachverständige mit spezifischen Interessenkonflikten von Gremien mit Entscheidungsfunktionen ausgeschlossen werden.

Ärztinnen und Ärzte sind nicht mehr die fehlerlosen Halbgötter in Weiß, sie werden hinterfragt und müssen für Anerkennung und Würde vielleicht mehr leisten als früher. Aber das ist doch keine negative Entwicklung, denn es ist keine Diskreditierung der Ärzteschaft, es ist eine Chance. Es ist eine Chance neue Wege, diese aufgezeigten Wege, zu gehen. Es ist eine Chance Vertrauen zu gewinnen und den, wie Jörg-Dietrich Hoppe es ausdrückte, Grundton des Arztseins wieder anzuschlagen.

Es ist letztlich die Chance das Arztsein wieder vom Dienstleistungsberuf mit moralischen Ansprüchen zu einem sozialen Beruf mit moralischem Fundament zu machen!